#ichgebeab aka das Klischeebaby kehrt zurück

Auf meiner Lieblings-Social-Media-Plattform Twitter hat sich zumindest in meiner kleinen Filterblase der Hashtag #ichgebeab / #ichgebab gebildet. Ein Hashtag ist quasi ein Sammelbegriff, unter dem jeder seine Gedanken zu einem bestimmten Thema abgeben kann. Dies nur kurz an das Lesende Publikum, denen Social-Media und Internet im allgemeinen ein großes Fragezeichen über dem Kopf aufleuchten lassen (Hallo Mama. Ich hab dich lieb.)

Entstanden ist das ganze durch eine Reihe an Tweets eines Accounts, der im allgemeinen auf die Unsinnigkeit von Geschlechtertrennung im Babyalter schon aufmerksam macht.

Ich will mal so sagen: Da kamen noch mehr. Sehr viel mehr. In einem Blogartikel des eben genannten Accounts wurden ein paar Tage später, nachdem der Hashtag eben so eine unglaublich große Resonanz erhielt erklärt, wie es zu den Ausgangstweets kam. Da von dem Account, dem ich eben auch folge, viel in meine Timeline gespült  wurde, was andere dazu zu schreiben hatten, wurden meine Augen im Laufe der vergangenen Tage immer größer. Was sind das für Menschen, die ihren Kindern, ihren Enkeln, ihren Schutzbefohlenen oder einfach nur ihrer Umgebung einen Stempel aufdrücken müssen, den diese vielleicht gar nicht wollen?

Das ist nur ein kleiner Teil von dem, was ich in letzter Zeit zu lesen bekommen habe. Und ich lese das und stelle mir die Frage: WAS STIMMT MIT DEN LEUTEN EIGENTLICH NICHT?

So aufwachsen, wie man will

Vielleicht verkläre ich in der Erinnerung an früher einiges. Aber ich bin, wenn ich diese Dinger lese, meiner ganzen Familie so unendlich dankbar, dass ich mich so entwickeln durfte, wie ich wollte. Das fing mit „Ich will Haare haben wie Pocahontas“ an. Das wurde aber auch zu einem Mädchen, dass mit Star Wars aufwuchs und bis heute glühender Fan ist.

Ich hatte Puppen zu Hause, aber eben auch Legosteine. Barbies und Sailor Moon-Bettwäsche, aber eben auch Die Herr der Ringe Filme, sobald ich alt genug war. Die Hörspiele, die es damals gab schon vieeel früher. Ich habe das immer für normal gehalten. Und wenn ich als Mädchen die Pocahontas-Haare abschneiden musste, weil die beim Sport (Handball? Turnen? Irgendwas wars bestimmt) zu warm waren, und ab sofort mit Streichholzkurzen Haaren durch die Weltgeschichte tingeln wollte, dann war das so. Und es war gut. Mein großer Bruder durfte in den Kleidern seiner besten Freundin rumlaufen. Meine kleine Schwester hatte die erten Grundschuljahre gezwungenermaßen einen rosa Katzenranzen. Aber der war eben in ihrer rosa-Prinzessinnen-Phase gekauft worden. Die endete eben kurz vor ihrer Einschulung. Danach war sie ein wilder Kerl. Inklusive im Schlamm suhlen, freches Kind sein, kurze Haare und eben Fußball. Zu ihrem Unglück musste sie irgendwann in die reine Mädchenmannschaft wechseln. Trotzdem: Fußball spielt sie bis heute.

Was ist nochmal normal?

Und wisst ihr was? Das ist normal. Wir sind alle groß geworden, wir sind alle so „normal“ wie man irgendwie sein kann. Niemand von uns ist „schwul“ oder „lesbisch“ oder sonst irgendetwas „schlimmes“ geworden. Mein Bruder und ich sind beide verheiratet (Nein, nicht miteinander, was denkt ihr denn schon wieder?!), meine Schwester hat einen wundervollen Freund. Solo ist bisher meines Wissens nach nur unser kleiner Bruder, aber der bestimmt nicht, weil er nur Puppen zu spielen bekommen hat….war nicht er das, der meine Barbies reihenweise geköpft hat?

Was ich sagen will: Wieso lassen all diese Leute, über die im Hashtag geredet wird ihre Kinder nicht einfach sein? Warum muss schon Kindergartenkindern eingetrichtert werden, dass ein Junge, der mit Puppen spielt nicht normal sei? Etwas, worüber es zu lachen gilt?

Das traurige an der Geschichte ist ja, dass Kinder nicht von selbst auf solchen Schwachsinn kommen. Kleine Kinder schauen sich das Verhalten von Vorbildern ab und reproduzieren das, was sie sehen. Was sie vorgelebt bekommen. Was ihnen erzählt oder was sie gefragt werden. Kindergartenkinder finden Jungs, die mit Puppen spielen also nicht doof, weil Kinder Jungs, die mit Puppen spielen doof finden. Kindergartenkinder SEHEN, dass die Anderen Jungs, die mit Puppen spielen doof finden. Also sind für diese Kinder Jungs die mit Puppen spielen doof. Und so wird das weiterreproduziert. Immer und immer weiter.

Aber du bist doch eine Frau….in erwachsen

Wenn es denn wenigstens bei den doofen Kindergartenkindern bleiben würde. Aber wenn die Kinder aus dem Alter raus sind, hört das ja nicht auf.

Ich glaube, es reicht so langsam an Beispielen, oder? Halt doch! Eins habe ich noch, aus meiner ganz persönlichen, kleinen Welt: Als Mädchen in die IT? Das ist aber auch nicht normal, oder? Wie ist es denn dazu gekommen?

Und ja, tatsächlich: In meiner Berufsschulklasse war ich eines von zwei Mädchen eine von zwei jungen Frauen, unter um die 25 junger Männer. Haben wir beide unsere Sache deswegen schlechter gemacht? Nö. Ich war sogar – ohne mich groß anstrengen zu müssen – eine der Jahrgangsbesten. Wie oft ich mit „Streberin“, auch im Scherz, anhören musste, hab ich gar nicht gezählt. Tatsache war: ich war stinkend faul und der Stoff echt einfach. So zumindest mein Empfinden. Auch im Beruf ist Administrator nicht das, was man als Frauenjob kennt. Bei uns in der Firma bin ich die einzige weibliche Besetzung auf Adminposten. Die anderen machen Programmierung, UHD (User Help Desk = (Telefon)support) oder Organisation. Auch privat hab ich von all denen, die IT machen bisher nur eine Frau kennen gelernt, die ebenfalls Admin ist. Ein faszinierendes Bild…

Zurück zur Ausgangsthese

Ich verstehe es nicht, wieso man Kindern unbedingt den „Du bist doch Junge/Mädchen“-Schuh anziehen muss. Wieso ein Kind Fußball mögen muss, oder Tanzen, oder rosa oder glitzer oder Autos, nur weil es eben einen Penis hat oder eben nicht. Das könnte mich so unendlich aufregen. Vielleicht merkt man das diesem Text an. Vielleicht auch nicht.

Aus meinem persönlichen Umfeld kenne ich diese Probleme zum Glück nicht und ich hoffe allen ernstes, dass auch das Schnabeltier ihnen nie im Leben begegnen wird. Wahrscheinlich wird sich das schlagartig ändern, sobald er in die Kita kommt. Und viel mit anderen Kindern in Kontakt. Wenn es soweit ist, werde ich versuchen für ihn einzustehen und für ihn da zu sein. Sein rosa Heliumballonpferd findet er auf jeden Fall klasse. Und rosa ist es auch nur, weil er eben ein Pferd haben wollte, und es keine grünen gab. Oder – um Himmels Willen – Braune! oder Schwarze! Oder Weiße!

Drückt ihm die Daumen, dass die Anderen ihm das nicht alles kaputt machen in Zukunft.

Und Mama*? Danke! Danke, dass ich so klischeefrei aufwachsen durfte!
Ich hoffe, dass ich dem Vorbild, das ich mir an dir genommen habe, gerecht werde. Ich hab dich lieb.

 

(*Papa ( :'( ), Omas, Opa, Tanten, Onkels, Cousinen, Freunde, Freundinnen, ErzieherInnen, LehrerInnen, Eltern von….)

 

PS: Über Das Klischeebaby habe ich vor einer halben Ewigkeit schonmal geschrieben.…

Ich erzähle dir einen Traum

Man hat jetzt schon mindestens hunderttausend Mal „La Le Lu“ gesungen. Irgendwann ist man dann auf „Guten Abend, gute Nacht“ umgestiegen und hat die Hasszeile einfach weggelassen. Aber selbst das Lied ist inzwischen quasi tot gesungen. Und das Kind liegt immer noch wach im Bett und erfreut sich an seiner eigenen Wachheit. Also muss man sich etwas anderes Ausdenken, bei dem das Kind irgendwie die eigene Stimme in ruhiger Art und Weise hören kann, um irgendwie in den Schlaf zu finden.

Es wird nicht jede Nacht genutzt, aber manchmal kommt es halt vor, dass ich frage „Soll ich dir einen Traum erzählen?“ Da freut er sich dann immer ein bisschen, und ich fange an. Ohne Sinn und Verstand. Ohne Ahnung, wo der Traum heute hingehen soll. Träume kommen und gehen eben, wie sie selbst wollen.

Der Traum beginnt

Anfangen tut ein Traum immer auf die selbe Art: Man muss erst einmal einschlafen. Dazu „wandert“ die Schwere oder Müdigkeit von seinen Zehenspitzen, seine Beine hoch bis zu seinen Augenlidern, die dann zufallen. Weil er noch so klein ist, versteht er wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte von dem, was ich ihm da erzähle. Vor allem nicht, dass ich eigentlich will, dass er sich auf die Körperteile konzentriert und dabei ruhig wird. Eher fängt er dann damit an, mit den Zehenspitzen zu wackeln, seine Schultern zu suchen, auf seinen Bauch zu zeigen und und und. Wenn man nicht zwingend möchte, dass er jetzt sofort einschläft ist das gar nicht schlimm. Ich erzähle einfach weiter und find es toll, dass er schon seinen gesamten Körper zeigen kann.

Wenn die Müdigkeit dann in den Augen angekommen ist, gehen wir noch einmal auf den ganzen Körper ein, dass dieser jetzt ganz schwer ist. Und, dass er dann einschläft, und sein Körper leicht wird, hochfliegt, und er sich und mir noch einmal tschüß winkt. Bis dahin ist jeder Traum gleich.

Was dann kommt

In der Hoffnung, dass ich während der Traumeinleitung eine Idee hatte, wohin der Traum gehen soll, fliegt er jetzt weiter. Irgendwie irgendwo hin. Raus aus seinem Zimmer geht es auf jeden Fall.

Und Erzählt wird dann eben im Flow. Selten rede ich den ganzen Traum lang durch. Meistens wird nebenbei ein bisschen gekuschelt, gekichert „weißt du…“ gesagt. Und was sind das so für Träume? Es sind immer irgendwelche Arten von Geschichten, die das Schnabeltier erlebt. Das kann sein, dass er hoch in die Wolken fliegt, sich die Wolken anschaut und mit den Regentropfen zusammen wieder runter in sein Zimmer regnet.

Das kann sein, dass er über Berlin hinweg fliegt, weiter hoch in den Norden, Oma und Opa Hallo winkt und dann irgendwann Nachts an einem Ostseestrand endet und die Zehen im Sand vergräbt, während das Meer vor sich hin rauscht.

Das kann aber auch sein, dass er über die Wolken hinaus fliegt, und oben ein Königreich findet. Und in der Ferne ist ein blaues Schloss, das aus Himmel gebaut ist, und aus dem es ganz laut Schnarcht! In dem Schloss findet er dann irgendwann den Wolkendrachen, der schläft und Schnarcht. Den muss er wecken und ihm sagen, dass er schnarcht und er deswegen nicht schlafen kann.

Es kann aber auch sein, dass er mit mir zusammen den Weg zu seiner Kita geht. Die Straße runter, über die Schienen weg, da lang, dort lang. Hier vorbei. Wie das halt so ist. Und das, ohne dass er bisher in der Kita war.

Die Geschichten werden angepasst, während sie erzählt werden. Wie wach ist das Schnabeltier, wie wach bin ich, wie genervt sind wir beide inzwischen voneinander? Manchmal werden sie nur erzählt, damit die Zeit rum geht, manchmal sind sie so ruhig und unaufgeregt, dass das Kind währenddessen einfach einschläft. Passieren kann alles. Und nichts.

Der Traum endet

Eine Gemeinsamkeit haben die Träume dann doch noch alles: Sie enden immer damit, dass das Schnabeltier (im Bett?) liegt und einschläft.

Zumindest in der Geschichte.…

Manchmal, wenn es einfach viel ist

„Schnabeltier?“
Keine Regung
„Schnabeltier, aufwachen“ Durchs Gesicht streicheln.
Das Schnabeltier zuckt ein bisschen mit den Fingern und schläft weiter.
„Schnabeltier. Rate mal wer hier ist. Der Papa ist daheim.“
Das Schnabeltier öffnet verschlafen die Augen. Guckt den ihn Ansprechenden an. Und beginnt direkt wunderbar zuckersüß zu lächeln und sich zu freuen.

Kurze Momente

Wenn man den Tag damit verbracht hat, gehauen zu werden, oder gebissen. Oder ignoriert. Oder sonst irgendwie alles. Wenn alles doof ist, und man trotzdem da ist zum trösten, wenn das Schnabeltier wieder hingefallen ist, weil es die Duplosteine auf den Boden gepfeffert hat und nun drüber gestolpert ist. Und wenn man dann nur ein weinerliches „Baba! Baba!“, als Satz des Tages zu hören bekommt. Immer und immer wieder.

Dann ist eben der Moment erreicht, in dem die oben beschriebene Szene, die als solches unheimlich niedlich und zuckersüß ist, einfach zu viel ist. In der man irgendwie versucht Würde behaltend den Raum zu verlassen und sich an die schlafende Katze kuschelt, um wenigstens ein bisschen Liebe zu erhalten.

Sollen die beiden mal machen. Meine Batterien werden wieder aufgeschnurrt.…