Über das Essen von Brei

Ich wundere mich ja gerne über andere Eltern. Wirklich gerne. Wundern ist ein wunderbares Hobby. Vor allem dann, wenn man selbst Kinder hat. Also hier einmal eines meiner Wunderthemen:

Na, isst deiner schon Brei?

Werfen wir hier doch einfach mal einen Blick auf die offiziellen Empfehlungen zum Thema Stillen der WHO:

Die WHO empfiehlt, voll ausgetragene, mit Normalgewicht geborene Kinder bis zum sechsten Monat (180 Tage) ausschließlich zu stillen, […]

Eigentlich sollte damit alles klar sein und die Fragen doch rein theoretisch nicht vor dem 6ten Lebensmonat gestellt werden. Tja, falsch gedacht. Tatsächlich kam ich bereits mit dem Thema in Berührung, da war das Schnabeltier gerade mal 3 Monate alt. Und das war kein „Ach, Sie haben ja noch 3 Monate, bis Sie anfangen müssen sich Gedanken über Brei zu machen.“
Ich würde es eher als „Na wenn der so weiter wächst, werden Sie bestimmt mit 16 Wochen schon mit Brei anfangen.“

Wenn das bei einem Mal geblieben wäre, würde ich heute nicht hier sitzen und diesen Eintrag schreiben. Tatsächlich passierte es mir wirklich Häufig, dass mir die Frage nach dem Breiessverhalten meines Kindes gestellt wurde. Ein bisschen später kamen dann die Omas dazu, die mich aufforderten, man könnte ihm doch schon Kuchen/Brot/Karotten in den Mund stecken. Und obwohl ich die oben verlinkte Empfehlung zu dem Zeitpunkt bereits kannte, habe ich mich aufgrund des ganzen hin und her dazu hinreissen lassen, ihm mal eine Karotte zu dünsten, zu zermantschen und ihm probehalber in den Mund zu schieben. Und obwohl das Schnabeltier an der Brust wirklich hervorragend isst, konnte er mit dem oragenem Zeug wirklich nichts anfangen. Der Rest des damaligen Experimentes wurde eingefrohren und hin und wieder, wenn die Fragen zu sehr nervten, wieder hervorgeholt. Immer mit dem gleichen Ergebnis: Das Baby mag keinen Brei essen.

Erst zur Zeit, in der dieser Blogeintrag spielt, wurde das erste Mal freiwillig Brei in „Mengen“ gegessen. Aber selbst nach diesem heroischem Einsatz meines Mannes, gelang es mir nicht, ihm feste Nahrung zu geben. Und das eine ganze Weile lang. Knabberkarotten beim Zahnen ja, Breikarotten zum Essen Nein.

Und während man so herumexperimentiert und sich fragt, ob man eventuell was falsch machen könnte, wird das Kind einfach von sich aus älter, reifer und experimentierfreudiger. Irgendwann ist die erste Ladung Karotte komplett im Müll gelandet, weil das Kind sie einfach nicht mampfen wollte. Und dann, als das Kind langsam von selbst Anfing zu sitzen, und in den Hochstuhl durfte, den ich kurz zuvor besorgt hatte, fing es auch tatsächlich an die ersten Löffelchen Brei in seinem Gesicht zu verschmieren zu essen. Jetzt ist er 7 Monate alt und sperrt den Schnabel ganz weit auf, wenn ein Löffelchen auf ihn zugeflogen kommt.

Hab ich was draus gelernt? Jap, das ganze Chaos davor hätte ich mir nicht geben müssen, sondern einfach mein Kind beobachten. Nur weil Oma A etwas verlangt und Oma B etwas ähnliches, muss das noch lange nicht umgesetzt werden. Und Knabberkarotten kommen trotz allem schonmal ganz gut an bei einem Baby.

Liebe Leute: Gebt dem Kind einfach die Zeit zu wachsen, die es selbst braucht. Sie werden doch sowieso schon viel zu schnell groß.…

Heimat

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Ich glaube einer der größten Vorwürfe, den ich meinen Eltern gemacht habe, als ich ein Kind/Jugendlicher war, war, dass wir umgezogen sind. Nicht in die nächste Straße oder das nächste Dorf, sondern weg. Weit weg. 320 Kilometer Luftlinie um genau zu sein. Ich habe den Ort geliebt, an dem wir gewohnt haben, und dann mussten wir einfach weg.

Infolgedessen habe ich mich lange Zeit nicht gefühlt, als hätte ich ein Zuhause. Klar, ich habe gewohnt, wo wir hingezogen sind, es war auch rein objektiv gesehen besser für mich. Aber heimisch habe ich mich dort nie gefühlt. Ich glaube, das hier ist das erste Mal, dass ich das wirklich zugebe, aber irgendwann muss man ja mal Anfangen.

Infolge dieses Nicht-Zuhause-fühlens bin ich auch weg von dort, sobald ich mein Abitur geschafft und eine Ausbildung gefunden hatte. Nur weg. Nicht zurück in die Heimat, denn dort fühlte ich mich auch schon nicht mehr zu Hause, sondern noch weiter weg. Meine Mutter erzählt immer, dass ich gesagt habe, dass es dort, wo wir gewohnt hatten keine Jungs gäbe. Vielleicht habe ich das auch erzählt, ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr erinnern. Aber wenn ich jetzt darauf zurück blicke, ist die Wahrheit, dass ich die Umgebung nicht mochte, die Orte nicht. Nur die Menschen – meine Familie und eine Hand voll Freunde, die ich immer noch liebend gerne besuche.

Ich sehe dich an und bin Zuhause. – Dorie (findet Nemo)

Jetzt sind mehr als 5 Jahre vergangen, dass ich von meiner Familie weggezogen bin, grob geschätzt 12, als wir aus unserer ursprünglichen Idylle weg sind und ich kann sagen: Ich habe eine Heimat gefunden. Eigentlich zwei. Und manchmal könnte ich heulen, weil ich sie nicht guten Gewissens miteinander vereinen kann.

Auf der einen Seite ist da der Ort, an dem ich jetzt lebe, und dabei bin mir meine eigene, kleine Familie aufzubauen.
Nein, eigentlich ist das falsch. Eigentlich ist das der Ort, an dem mein Mann ist. Weil ich mit ihm einen Menschen gefunden habe, bei dem ich mich wohl fühle. Bei dem ich ich sein kann, mit all den Macken, all den Problemen und all dem Chaos, das mich ausmacht. Ausnahmslos. Und dieses Gefühl, diese Sicherheit ist mehr wert, als alles andere auf der Welt. Das ist Heimat für mich.

Insofern ist auch Heimat für mich, wenn wir zurück kommen. Zurück zu meiner Mutter, oder gleich ganz zurück, an den Ursprungsort. Zurück zu meinen Wurzeln, quasi. Denn auch da ist Familie, die sich freut einen zu sehen und für mich da ist, wenn ich sie brauche. Und anders als in Hessen, wo wir hingezogen sind, ist hier so viel mehr, an das ich mich mit einer ordentlichen Portion Nostalie zurück erinnere. Hier steht das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Der Fluss, in dem wir im Sommer gebadet haben. Die Wälder, durch die ich gezogen bin und mir meine Fantasiewelt aufgebaut habe. Die Kuhwiesen, über die wir gestreunt sind.
Das Bild, das diesen Post ziert, vereint all das irgendwie. Meine Mutter, die meinen Sohn im Arm hat vor dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, geschossen von genau der Stelle aus, an der früher mal unsere Spielburg stand. So. Viele. Gefühle.

Und wenn ich sage, dass ich diese beiden Zuhauses nicht vereinen kann, dann meine ich das so. Denn ich selbst weiß, wie weh es tut, wenn man all das, was man kennt und was einen lieb und teuer ist, zurück lässt. Und genau das will und kann ich meinem Mann, der hier in Berlin seine Familie, Freunde und Arbeit hat, nicht antun. Nicht mit gutem Gewissen.

Deswegen habe ich zwei und mehr Heimaten, und ich freue mich jedes Mal, wenn ich zu der zurückkehren kann, die ich verlassen habe. Ich freue mich, wenn ich meine Mutter besuchen kann. Und ich freue mich, wieder zurück nach Hause zu meinem Mann zu kommen. Ich freue mich zurück zu meinen Wurzeln zu fahren, dort mit meiner Familie meine Familie zu besuchen (so doof das auch klingen mag). Und ich freue mich, wieder nach Hause zu kommen, in unser Dörfchen in Brandenburg, weil ich weiß, dass mein Mann sich viel wohler fühlt, wenn er seinen Computer, sein schnelles Internet und seine Ruhe hat.

Was genau ich hiermit sagen will, kann ich gar nicht genau zusammenfassen. Ich hoffe, dass ich für das Schnabeltier so eine tolle Familie sein kann, wie meine es für mich ist. Und ich hoffe, dass er sich beim aufwachsen auch gerne an die Orte zurück erinnert, an denen er gewohnt hat. Dass er nicht so weit weg ziehen muss, um seine Heimat zu finden.…

Das Klischeebaby

Über die Rosa-Hellblau-Falle

Es gibt viele Dinge, die man sich denkt, wenn man frisch Eltern wird. „Wenn ich ein Kind bekomme, werde ich ihm nur selbst gekochten Bio-Brei in den Mund schieben und er wird es lieben.“ oder „Mein Kind wird später einmal Arzt werden, ohne dass ich es täglich zum lernen zwingen muss.“ oder „Helikoptereltern sind mir zuwider, ich werde ganz sicherlich nicht den ganzen tag um mein Kind kreisen und ganz viel Wind machen.“ Solche Dinge eben.

Eine der Sachen, die für mich ganz, ganz klar waren, war „Scheiß auf Geschlechterklischees, ich werde einen Jungen nicht in blau und ein Mädchen nicht in rosa packen.“ Inzwischen ist das Schnabeltier 7 Monate alt und ich kann nur sagen: Willkommen in der Wirklichkeit.

Zuallererst: blau ist keine schlimme Farbe. Eigentlich ist blau wirklich hübsch. Das Ding ist halt, dass die Assoziation „Baby + Blau = Junge“ mich echt nervt. Warum kann ein Mädchen denn nicht in blauen Klamotten auftauchen? Ich wollte etwas, zugegebenermaßen Kleines, gegen dieses Denken setzen, indem ich mein Kind eben nicht so kleide, solang ich es verhindern kann. Gleichzeitig kann ich rosa als Farbe so überhaupt nicht ausstehen und war deswegen sicher, eben auch kein einziges rosa Teil an meinen Sohn zu lassen.

Damit war ich dann aber auch schon wieder in der Geschlechterschublade gelandet: Meinen Sohn würde ich niemals in etwas rosarotes Stecken, meine Tochter aber in etwas blaues? Weil rosa auch einen Jungen weiblich machen würde, blau an einem Mädchen aber nicht weiter schlimm ist. Fiese Falle, ganz fiese Falle. Und wenn ich dann auch wirklich ganz tief in mir drinnen suche, dann stimmt es auch, dass ich rosa an einem Jungen doofer finde, als blau an einem Mädchen.

Nun gut, also haben wir geklärt, die beiden Farben sollten also am Besten weit, weit weg von unserem Kleiderschrank bleiben, alles andere darf natürlich gerne dazu kommen. Nur: was ist eigentlich alles andere?

In einer perfekten Welt würde man sagen: ALLES! Rot, weiß, schwarz, grün, Bunt gestreift, gepunktet, Grau, Lila, Orange….

In der Welt der Babyklamotten heißt das: Weiß. Grau. Manchmal etwas pastelliges hie und da.

Und dachte ich zu Anfang, dass diese Farbunvielfalt daran lag, dass alle Familienmitglieder, die uns Kleidung schenkten wussten, dass wir einen Jungen bekommen würden, wurde ich doch eines besseren belehrt, als mein Mann und ich uns auf den Weg in die Stadt machten, ein bisschen was kaufen. Und wenn man schon dabei ist, gleich noch eine Herbst-/Winterjacke für das Schnabeltier mit einpacken. Was. habe. Ich. Geflucht.

Wir standen da nun also in der Babyabteilung eines größeren Kaufhauses, da ich mir dort am meisten Auswahl erhoffte. Unser Blick wanderte nach rechts: Rote und rosa Kleidungsstücke so weit das Auge reichte. Der Blick nach Links und man war in einem Meer aus blau gefangen. Um Himmels willen, nirgendwo war ein Ausweg aus der Klischeefalle.

Ein bisschen unsicher bin ich dann erstmal – immer brav dem Anti-Klischee-Denken folgend in die rotrosa Abteilung gewandert auf der Suche nach etwas Jackenähnlichem. Gefangen zwischen Rosa-Glitzer-Sternchen-Dingen wurde mir allerdings viel zu schnell übel und ich musste erfolglos fliehen. Heute kann ich nicht einmal sagen, ob es dort keine Jacken gab, oder ob diese einfach nur so laut „ICH BIN EIN MÄDCHEN!“  geschrieen haben, dass ich sie einfach komplett ausgeblendet habe.

In der Jungenabteilung (also der blauen) sind wir dann fündig geworden. Schlussendlich hatten wir die Wahl zwischen diversen Grauen und einer blauen Jacke. Die Grauen waren alle hässlich farblos und traurig, sodass wir uns dann halt doch für die Blaue entschieden haben. Mit Baggermotiv.

Selbstredend war dies nicht der erste Zeitpunkt, an dem ich resigniert habe. Ehrlich gesagt war das schon viel früher, als ich einen Haufen zu-kleiner-Kleidung in Kisten packte. Beim einräumen des Schrankes fiel es mir gar nicht so sehr auf, aber dann beim ausräumen dachte ich mir nur „wow, ist das viel blassblau.“ Als ich dann von den Weggeräumten Sachen noch einmal eine Hand voll aussortierte, um sie einer Freundin zu schenken, die ein Mädchen erwartete, fiel mein Blick in die Tüte. Ich wollte nicht meine Lieblingssachen weggeben, und vielleicht ist deswegen unbewusst sehr, sehr viel blau in der Tüte gelandet. Ich hoffe nach wie vor, dass sie auch keine Probleme damit hat, ihr Mädchen in blau zu kleiden.

Spannenderweise bin ich bisher keinem Babymädchen begegnet, dass nicht irgendwie rosa oder rot angezogen war. Beim Babyschwimmen haben teils sogar die Jungs blaue (bekenne mich schuldig) und die Mädchen rosa Schwimmwindeln. In der Krabbelgruppe sind die Mädchen deutlich als solche erkennbar und als wir neulich einer Nachbarin mit deren 1,5jährigen Tochter begegnet waren, schlug der Klischeehammer unheimlich feste zu: das Schnabeltier war glücklich in seiner blauen Jacke mit hellblauer Mütze auf dem Kopf im Kinderwagen vergraben, die Nachbarstochter in pink/weiß an der Hand ihrer Mutter.

Eigentlich sind Babys – im Gegensatz zu Erwachsenen – von außen her unheimlich geschlechtsneutral. Aber warum müssen die Mädchen eindeutig als solche erkennbar sein? Warum kleiden die Mütter sie im pinken Glitzeralptraum? Und warum werden die Jungs in Jacken mit Bagger- und Handwerkermotiv gesteckt? Werden da die eigenen Wünsche und Träume in die Minimenschen gesteckt? Um es ganz ehrlich zu sagen: ich weiß es nicht. Wahrscheinlich werde ich es nie wissen. Vielleicht werde ich auch eine rosa-Kitsch-Nudel, sobald ich eine Tochter geboren habe.

Bis das soweit ist, wunder ich mich allerdings weiter über Facebook-Einträge, in denen Mütter den Klamottenkauf präsentieren, den sie und die Tochter für selbige erledigt haben, und es traurig finden, dass die Tochter anscheinend in der Jungsecke gewühlt hat. Und darüber, das Kleidungspakete für Babys (Größe 50-64) unbedingt nach Jungs/Mädchen sortiert sein muss.

 

Und ja, das Schnabeltier hat einen rosa Sommerschlafsack, in dem er auch schon geschlafen hat. Sah zuckersüß aus. Leider wird er da nächsten Sommer nicht mehr reinpassen. Schade.…