Und wo ist die Zeit hin?

Als notorischer Langschläfer muss ich zugeben, dass es mir schwer fällt, morgens nett und freundlich zu sein. Deswegen bin ich inzwischen ganz froh darüber, dass ich mich morgens mit nicht allzu viel auseinander setzen muss. Aufstehen, Kinder fertig machen, Schnabeltier in die Kita bringen, heim kommen, wach werden. Beziehungsweise Kraft sammeln, für den Nachmittag. Besonders wichtig ist dieses Sammeln von Kraft, wenn übers Wochenende 3,5/4 Familienpunkte krank waren. Und davon sich zwei Leute je 0,75 Familienkrankpunkte geteilt haben. Will sagen: es war ein anstrengendes Wochenende. Keiner war wirklich richtig gesund, zwei von uns wirklich richtig krank.

Das Schnabeltier war nämlich auch krank. Also so richtig echt wirklich krank. So krank, dass er nach dem Wochenende nicht in die Kita gegangen ist. Ich war auch krank. So krank, dass ich froh war, dass mein Mann daheim war, um mir das ein bisschen meckerige Füchschen manchmal abzunehmen. Und dann kam der Montag. Der Mann war wieder gesund und konnte arbeiten, ich war wieder gesund und konnte mich um die Kinder kümmern. Das Füchschen war wieder gesund und konnte fröhlich vor sich hin zappeln und das Schnabeltier war…nunja, kein komplettes Wrack mehr. Entsprechend blieb er eben mit dem Füchschen und mir zu Hause.

Morgens für um sechs

Da ging es dann los. Irgendwie hatten die Kinder sich abgesprochen. Erst wird das Füchschen wach und verlangt Brust, kaum war es wieder eingeschlafen und ich am davondösen, ruft es aus dem Nebenzimmer „Papaaa“
„Papa ist nicht da“, gähne ich zurück.
„PAPAAAA!“
„Papa ist schon arbeiten.“
„Papa!!!“ Seufzend krieche ich aus dem Bett, gehe hinüber ins Kinderzimmer, nehme dort Decke, Kissen und Trinkbecher entgegen und begleite das Schnabeltier in unser Bett hinüber. Mh, super. Eiskalte Kleinkindfüße am Rücken. DAS hilft bestimmt beim wieder einschlafen. Ich ziehe meine Decke über uns beide und ernte ein empörtes „Nein! Nich Mama Decke. Meina Decke!“ Also ziehe ich meine Decke von ihm hinunter, breite seine Decke über ihn aus und dreh mich wieder weg. Erneut schieben sich eisige Kinderfüße meinen Rücken hinauf. Ich maule ein bisschen. Er mault ein bisschen zurück. Das Füchschen zappelt ein bisschen.
Ich drehe mich zum Schnabeltier um, nehme ihn in den Arm, nehme seine Eisfüße zwischen meine Beine und döse mit ihm zusammen nochmal weg.

Das Füchschen wird wach. A bomb has been planted, schießt es mir durch den Kopf, nachdem das Füchschen ganz andere Dinge in die Windel geschossen hat. Vorsichtig löse ich den Knoten zwischen mir und dem Schnabeltier, schnappe mir das Füchschen, dass jetzt fröhlich gluckst und gehe mit ihr zum Wickeltisch.
Während ich also dem Füchschen die Windel wechsel und dabei der Sonne beim aufgehen zusehe, höre ich ein jammerndes „Papaa?“ aus dem Nebenzimmer.
„Papa ist nicht da. Bin gleich wieder bei dir“, murmel ich zurück.
„Warum Papa nicht da?“, will das Schnabeltier wissen. Ich kämpfe mit dem Wickelbody des Füchschens, den die Bombe auch erwischt hat.
„Papa ist arbeiten.“
„Warum Papa arbeiten?“ Wie sehr ich diesen Dialog hasse. Wir haben den schon einmal gehabt. Gestern. Vorgestern. Den Tag davor. Die Woche davor. Seit einem Monat halten wir diesen Dialog. Mindestens einmal täglich. Gerne öfter.
„Weil Papa Geld verdienen muss.“, antworte ich, während ich den nächsten Body aus der Schublade zupfe. Ich kenn die nächste Frage schon, hoffe aber noch immer, dass sie nicht kommt.

„Warum?“ Soll ich meinem Kind jetzt was zu Geldsystemen erklären? Wie der Kapitalismus funktioniert, warum die Mehrheit der Deutschen sich anscheinend nicht für ein Bedingungsloses Grundeinkommen erfreuen kann, der Kommunismus scheiße ist und wir sowieso alle in einem von Banken gesteuertem Schweinesystem feststecken?
„Weil wir sonst nichts zu Essen kaufen können.“, antworte ich. Essen funktioniert immer.
„Warum?“ AAAAAAAH. Das Füchschen wird zurück ins Bett gestopft, ich versuche das Schnabeltier zu ignorieren und gehe erst einmal ins Bad, zum Hände waschen. Und aufs Klo. Und nochmal Hände waschen. Vielleicht bemerkt das Schnabeltier ja nicht, dass ich versuche, dieses Gespräch abzubrechen. „Mama? Warum?“

Morgens früh um sieben

In einer halben Stunde sollte mein Wecker klingeln. Ich bin jetzt schon so wach, dass ich eh nichtmehr einschlafen kann, will aber trotzdem noch einmal in meine Decken kriechen. Ein bisschen Wärme sammeln. Ein bisschen Ruhe. Haha! Kaum liege ich wieder und habe die Bettdecke bis über die Nase gezogen, habe ich bereits wieder die eiskalten Kinderfüße am Bauch. Neugierig strampeln sie meinen Schwabbelbauch ab, fühlen über jeden einzelnen Schwangerschaftsstreifen und versuchen sich hoch in Richtung BH zu schieben, was aber beinahe freundlich von mir abgewehrt wird. Überhaupt, das Schnabeltier ist jetzt auch wach und hat beschlossen, dass seine Fragerei nichts mehr bringt. Aber es hat eine neue Idee.

„Mama! Ich was essen magst!“
„Nachher.“, murmel ich, während ich darüber nachdenke, mir das Kissen über den Kopf zu ziehen. Nachher ist meine liebste Uhrzeit. Morgens zumindest. Nachher, wenn der Wecker geklingelt hat, da kann ich dann aufstehen.
„Mama! Ich essen!“ Manchmal frage ich mich ja, warum ich mich noch wehre. Warum will ich eigentlich morgens schlafen? Schlafen ist doch eh nur für Anfänger. Schlafen ist für Leute, die sonst nichts zu tun haben. Die sich den ganzen Tag mit PC spielen um die Ohren schlagen könnten. Hah! Ich bin besser als das. Ich kann morgens um sechs Uhr total ausgeschlafen aus dem Bett fallen und direkt zwei Kinder wickeln, ein total leckeres und ausgewogenes Frühstück auf den Tisch zaubern, nett und lieb sein, mit Vögeln sprechen…
„Mama, ich Brei essen!“, hat das Schnabeltier inzwischen beschlossen.

Ich gebe einfach auf.

Die Kinder werden angezogen, ich ziehe mich an. Das Schnabeltier bekommt einen Haferbrei mit Banane, ich ein Müsli, das Füchschen darf zuschauen. Dann darf das Füchschen im Bett frühstücken, das Schnabeltier tanzt um uns herum und will spielen. Ich verweise auf später, wenn das Füchschen fertig gegessen hat.
Dann spielen wir eine Weile. Aus Duplosteinen bauen wir…irgendwas. Wir stellen fest, dass in der Duplosammlung, die ich gekauft habe, zig Lastwagen dabei waren und fahren mit diesen durch sein Zimmer. Irgendwann will das Füchschen schlafen. Kann es nicht alleine, deswegen lege ich mich mit ihr ins Bett. Das Schnabeltier tanzt um uns herum und will Aufmerksamkeit. Diese verspreche ich ihm, wenn das Baby schläft. In Gedanken lobe ich die Kita in den Himmel und spreche alle Erzieherinnen dieses Planeten heilig. Das Krüml, dass kein Kind für 3 Jahren in den Kindergarten geben wollte wohnt irgendwo ganz weit weg.

Das Füchschen schläft, ich krabbel aus dem Bett und nehme zusammen mit dem Schnabeltier Papas Technikkramschubladen auseinander, auf der Suche nach einer Hand voll Kabeln. Wir finden die Kabel, das Füchschen wird wach, weil niemand bei ihr ist. Das Schnabeltier hat einen Taschenrechner gefunden und benutzt diesen als Handy und „telefoniert“ mit Papa.

Morgens früh um zehn

Die Kabel sollen an jemanden verschickt werden, der sie eher braucht, als wir. Weil ich gerade eh einen Lagerkoller bekomme, verspreche ich dem Schnabeltier, dass wir auf den Spielplatz gehen. Davor muss ich nur kurz zur Post. Von da an geht es los. Kabel verpacken, Kinder bespielen, Adresse auf den Umschlag schreiben, Kinder wickeln, Umschlag verpacken, Schnabeltier anziehen, Sandspielsachen einpacken, Schnabeltier in seine Schuhe bitten, Trinken einpacken, schreiend Füchschen versorgen, selbst Schuhe anziehen, Füchschen noch einmal Wickeln, beim Wickeln einfach gleich nochmal neu anziehen, selbst den zweiten Schuh anziehen, Füchschen füttern, Schnabeltier wieder in seine Jacke bitten, Füchschen beruhigen, Tasche zurechtlegen, Tragetuch umbinden, währenddessen mit dem Füchschen reden, Füchschen hochnehmen, ins Tragetuch packen.

Fluchen. Lange, laut, ausgefallen fluchen.

Das Füchschen wieder aus dem Tragetuch rausholen. Zurück zum Wickeltisch, versuchen den Boden nicht allzu sehr anzutropfen. Das vollgespuckte Füchschen neu anziehen. Mich neu anziehen. Das Tragetuch in die Wäsche werfen. Zum Glück habe ich noch eine Tragehilfe, sonst wär der Ausflug jetzt schwieriger geworden. Das Füchschen also da rein packen, Jacke drüber.

Als wir endlich draußen sind, habe ich schon keine Lust mehr, auf den Rest des Tages. Ich freue mich auf den Spielplatz, weil ich da das Schnabeltier einfach spielen lassen kann, und das Füchschen schlafen wird. Das tut sie immer, wenn sie getragen wird, darauf kann man sich verlassen. Davor muss allerdings das Schnabeltier durch die Post dirigiert werden, die praktischer weise nebenher ein Spielzeugladen ist…Endlich haben wir alles geschafft, was ich schaffen will und machen uns auf den Weg zum Spielplatz.

Dieses Kind macht mich alle

Wir kommen etwa 100 Meter weit. Dann bleibt das Schnabeltier auf seinem Laufrad stehen und bewegt sich keinen Meter mehr vorwärts. Bis eben hat es sich noch unheimlich gefreut, endlich zum Spielplatz zu dürfen, jetzt steht er einfach da, den Kopf auf dem Lenkrad reden und schweigt.
„Schnabeltier? Wolltest du nicht ein bisschen buddeln gehen? Was ist denn los?“ Keine Antwort. Er schaut die Straße hinunter und bewegt sich…nicht. „Schnabeltier? Was magst du denn?“, ich komme näher an ihn heran. Versuche irgendwie zu ihm durchzudringen. Durch den Schleier, der vor seinen Augen liegt. „Schnabeltier?“

„Ich essen magst. Ich bisschen müde.“

Und ich versuche nicht zu laut zu seufzen. Nicht genervt auf die Uhr zu schielen. Ich rede mir ein, dass er noch ein bisschen kränkelt, dass das normal ist, und sowieso. Wir drehen also wieder um, und gehen nach Hause. Klar hat der junge Mann schon wieder hunger, es ist bereits halb zwölf, in der Kita hatten sie bereits Obstfrühstück und Mittagessen und gehen jetzt Mittagsschlaf halten. Wer bin ich, um das zu durchschlagen? Er wünscht sich einen Brei mit Apfelmark, also bekommt er den. Ich esse das Glas Apfelmark leer, viel ist eh nicht mehr drinnen.

Kaum habe ich zu Hause das Füchschen aus der Trage raus geholt, wird sie wach und beschwert sich darüber. Sie will gar nicht wach sein, sie will schlafen. Im Gegensatz zum Schnabeltier, das ist müde, will aber nicht schlafen. Will aber auch nicht wach sein und wirft seine Stifte durchs Zimmer. Gemeinsam legen wir uns also ins Bett und kuscheln. Links Füchschen, Mitte ich, rechts Schnabeltier.

Es dauert. Und dauert. Und… Auf der einen Seite will ein Kind kuscheln zum einschlafen, auf der anderen Seite will ein Baby stillen, zum einschlafen. Ich habe zu wenig Arme. Viel zu wenig Arme. Und zu wenig Busen. Und zu wenig nerven. Ich rotiere von rechts nach links, sorge davor, dass dort das eine Kind wegdöst, kümmere mich um das andere, während das erste wieder wach wird und meckernd meine Aufmerksamkeit einfordert.

Es ist halb zwei, als schließlich beide halbwegs verlässlich schlafen. Obwohl ich es besser wissen sollte, stehe ich auf, weil ich etwas zum Mittag essen will. Noch bevor die Minipizzas im Ofen sind, wird das Füchschen wach. Ich hole sie zu mir, bevor sie das Schnabeltier weckt und verbrenne mir den Gaumen an meinem Mittagessen.

Das schönste an solchen Tagen ist ja eh das Wissen, dass es auch Andere gibt.…

Die zwei Morgenszenarios der Familie H.

Version 1

7:20

Ich wache vom Weckerklingeln auf. Das Füchschen und das Schnabeltier schlafen noch. Ich schleiche mich ins Bad und gehe erst einmal aufs Klo. Das Schnabeltier ist inzwischen aufgewacht und spielt chaost vor sich hin.
Mit dem Versprechen auf baldiges Frühstück lässt er sich auf den Wickeltisch locken und wickeln. Das Frühstück muss allerdings als Nackidei eingenommen werden. Mit ein bisschen Überredungskunst schaffe ich es allerdings, ihm eine Unterhose über die Windel zu ziehen.

Wir Frühstücken. Wenn ich Glück habe, verlangt er einen Brei, dann muss ich den nur machen und er isst komplett alleine. Wenn ich Pech habe will er Brot, dann muss ich ihm beim schmieren, belegen und schneiden helfen.
Irgendwann während meinen ersten Bissen wird das Füchschen wach und verlangt schreiend nach Nahrung und Nähe. Ich schlinge also mein Brot hinunter, gehe das Füchschen wickeln, muss eventuell noch ein zweites Brot für das Schnabeltier schmieren, das nur halb gegessen wird, und stille das Füchschen.

8:20

Oh verdammt, es ist spät geworden. das Füchschen wird von der Brust entfernt, Kleidung für das Schnabeltier zusammen gesucht. Wir ziehen uns an. Das Füchschen wird ins Tragetuch eingebunden, Schuhe wandern erst an meine, dann an des Schnabeltieres Füße. Alles dabei? Schlüssel, Handy, Geldbeutel, eventuell Rucksack zum einkaufen? Radio ist aus? Tür zu, Treppe runter, ab in den Schuppen, Laufrad holen, Helm auf des Schnabeltieres Kopf – verdammt, ich habe meine Mütze gar nicht auf. Egal. Wir sind eh spät dran.

Zum Glück schläft das Füchschen so toll im Tragetuch, spätestens auf dem Gehweg hat sie aufgehört zu brüllen und döst fröhlich an meiner Brust. Fröhlich fährt das Schnabeltier auf seinem Laufrad zur Kita, ich hinterher. Am Bahnhof müssen die Bagger beobachtet werden, mit dem trockenem Laub auf den Wegen wird geraschelt, Zweige und Eicheln eingepackt und wieder weggeworfen. Für andere Radler wird mehr schlecht als recht Platz gemacht. Oh verdammt, das Laufrad ist kaputt, er repariert es mal schnell. Viermal innerhalb von 10 Metern.

Ich bitte, bettle, flehe und sporne an. Gehe vorneweg und hinterher. Wir zwei schaffen das. Wenigstens weiß er halbwegs, wie er sich im Verkehr benehmen muss. Über die Schranken, den kurzen Weg zur Kita, weil wir eh schon so spät dran sind. Überzeugungskraft. Der lange Weg ist viel B E S S E R!
Mama soll da bleiben. Mama und Baby sollen nicht nach Hause. Mama soll da bleiben. Papa soll ihn abholen. Mama soll in der Kita bleiben.

9:10

Wir habens geschafft. Das Schnabeltier stellt sein Laufrad in den Fahrradständer, öffnet die Kitatür und marschiert rein in Richtung seiner Gruppe. Andere Kinder da. Erzieher da. Mama vergessen. Abgang Schnabeltier. Na gut, den Fahrradhelm gibt er doch ab. Abgang Schnabeltier, die zweite. Mama räumt die Mitgebrachten Dinge in sein Fach und verlässt die Kita. Pfffff, geschafft

 

Version 2

6:20

Das Schnabeltier wird wach. Es schnappt sich Kissen, Kuscheltier und Trinken und wirft alles in mein Bett. Dann zieht er noch einmal in sein Zimmer zurück, um seine Decke zu holen. Ich helfe ihm ins Bett zu klettern, muss ihm helfen, seine Sachen zurecht zu rücken und versuche noch ein bisschen weiter zu schlafen.

Das Schnabeltier bleibt wach. Es zappelt, strampelt, plappert, beschwert sich über die offenen Fenster, steht auf um sie zu schließen, wird von mir angemault, schiebt seinen Kopf auf mein Kissen und klaut meine Decke. Wiederholt wird gefragt, ob ich denn schon wach bin, und ob das Baby wach ist. Ich versuche den Drang zu unterdrücken, ihn mit meinem Kopfkissen zu bewerfen und maule nur ein bisschen rum. Irgendwann steht das Schnabeltier auf, holt sich Bücher, kommt wieder zu mir ins Bett und verlangt, dass ich ihm vorlese. Weil ich schon wieder weggedöst bin, mecker ich schon wieder. Das Füchschen ist inzwischen auch wach und will etwas essen. Sie wird gestillt.
Das Schnabeltier verzieht sich in sein Zimmer, macht sein Musikauto an, spielt ein bisschen oder liest selbst. Vielleicht nimmt er auch die Wohnung ein wenig auseinander.

7:20

Der Wecker klingelt. Ich gebe auf. Wenn das Füchschen fertig gestillt ist, stehe ich halt auf. Dann wird es auf den Wickeltisch gelegt, das Schnabeltier klettert dazu, damit ich beide Kinder zusammen wickeln kann. Das findet er immer super. Spätestens beim zweiten Kind trete ich nervös von einem Fuß auf den anderen. Ich muss doch auch!

Zwei Popos sind frisch gewindelt, das Füchschen wird schnell auf dem Bett des Schnabeltieres abgelegt und ich sause ins Bad, während das Schnabeltier auf seine Schwester „aufpasst“. Anschließend bekommt das Schnabeltier seine Unterhose an, und während ich mich anziehe, deckt er den Tisch.
Weil er das letzte saubere Brett haben will, bekomme ich einen Kinderteller, den ich mit einem Kuchenteller austausche. Ich helfe ihm sein Brot zu schmieren, entferne 3 Kilo Margarine von seinem Messerchen, schneide, schmiere mir selbst ein Käsebrot. Das Füchschen will Nähe, deswegen nehme ich es auf den Arm . Mit einer Hand esse ich irgendwie.

8:10

Wenn das Frühstück vorbei ist, wird ein bisschen aufgeräumt. Das Schnabeltier versucht wieder mich zum Spielen und lesen zu animieren. Ich versuche ihm und dem Füchschen gerecht zu werden. Je näher der große Zeiger in Richtung 30 rückt, desto mehr wird versuche ich, das Kind kitafertig zu machen. Sonnencreme, Klamotten, Sonnenmütze. Klamotten für mich und das Füchschen ebenfalls. Anschließend das Baby ins Tragetuch, Schuhe für das Schnabeltier und mich, meine Mütze. Alles dabei? Schlüssel, Handy, Geldbeutel, eventuell Rucksack zum einkaufen? Radio ist aus?

Laufrad aus dem Schuppen, Helm auf den Schnabeltierkopf, und los gehts. Wir sind entspannt, weichen Radlern und Fußgängern aus, passen auf Autos auf, sammeln Stöcke, Blätter und Eicheln, schauen Bagger am Bahnhof an, Lastwägen am Getränkemarkt, warten an der Schranke auf die Züge, watscheln über die Schienen, nehmen den langen Weg zur Kita, wir haben ja die Zeit.

9:10

Mama soll bleiben. Mama bleiben. Papa abholen. Wir sind in der Kita angekommen, ich kanns so langsam nicht mehr hören und hab zum zwanzigsten Mal versprochen, Papa zu fragen, ob er Zeit hat, das Schnabeltier heute abzuholen. Das Laufrad wird im Fahrradständer geparkt. Das Kind öffnet die Kitatür, wir gehen hinein, Mama ist vergessen. Sie ist nur noch da, um kurz den Helm vom Kopf zu ziehen und die Sonnenmütze drauf zu packen. Schnabeltier weg und Glücklich, Mama auch irgendwie. Aus der Kita raus. Pfffft. Geschafft. Also ich. Also alles wie immer.…

Der Seekuhexpress

Der Seekuhexpress

„In deinem Zustand fährst du noch Fahrrad? Respekt!“ Diese kurzen Wörter gehören in letzter Zeit zu den von mir am häufigsten gehörten. Ich zucke dann immer mit den Schultern, schiebe meinen dicken Babybauch ein bisschen zurück, in der Hoffnung, dass er unauffälliger wirkt und sage, dass ich ja wenig andere Möglichkeiten habe. Und ja, es stimmt schon. Der Babybauch ist inzwischen so allgegenwärtig, dass er schwerlich zu verstecken ist. Ich habs neulich mal probiert: Bauch einziehen. Keine Chance. Der halbe Zentimeter, den der dann verschwindet, ist kaum wahrnehmbar. Für mich als ehemals-Fettie ein kleines Selbstwertproblem, aber von überall höre ich, wie toll und schön das ist und versuche damit leben zu können. Und ich weiß ja: Das geht auch wieder weg. Aber halt, falsches Thema.

Ja, ich fahre immer noch Fahrrad. Alles andere wäre für mich nämlich gar nicht drinnen. Die Kita ist ein bisschen was unter 1,5 Kilometer von uns zu Hause entfernt. Zu Fuß würde ich mindestens das dreifache an Zeit brauchen, um das Schnabeltier abzuliefern – wenn er selbst laufen würde, bestimmt das fünffache. Dazu kommt, dass er zwar gerne in der Kita ist, aber eigentlich nicht gerne hingehen mag. Als hätte ich spätestens ab einem viertel des Weges damit zu kämpfen, dass das Kind schreit, sich umdreht, weggeht und ich ihn irgendwie wieder zurück auf den rechten Weg schieben/tragen/zerren müsste. Nervlich wie Körperlich wäre ich wohl ein totales Wrack, wenn ich endlich in der Kita ankäme. Und dann muss der Weg zurück auch noch beschritten werden.

Die Alternative

Wir wohnen in einem kleinen Ort. Der Bus, der hier einmal stündlich pro Richtung fährt, fährt nicht einmal irgendwie hilfreich an der Kita vorbei – fällt also auch aus. Jedes Mal, wenn ich also über meine Fahrradaktivitäten bewundert werde, frage ich mich: Was denken die eigentlich? Was soll ich stattdessen machen? Das Kind daheim beschäftigen? Geht auch, macht mich aber auch kaputter, als es sein müsste.

Ein Auto? Klar, wir sind in Deutschland, da ist das Auto IMMER eine Alternative. Dass ich mir aktuell kaum etwas leisten könnte, hab ich vor kurzem schon einmal geschrieben. Selbst wenn ich in die luxuriöse Situation kommen würde, und uns würde jemand sein Auto schenken, wären mit so einer Karosse immer noch Kosten verbunden, die ich nicht zu stemmen wüsste. Benzin, Steuern, Reparaturen, Versicherungen, regelmäßig neue Kindersitze…

Also bleibe ich auf meinem Fahrrad sitzen. Trampel mich tag für Tag ab und merke, dass mir langsam aber sicher die Kraft auch dafür ausgeht. Früher bin ich mal im höchsten Gang (8) gefahren und hab höchstens zum Anfahren einen Gang runter geschaltet. Aktuell bin ich froh, wenn ich die Strecke auf dem sechsten Gang überlebe. Sollte ich unseren Anhänger und Einkäufe dabei haben, kommt es vor, dass ich auch mal ganz weit runter schalte. Dann bin ich spätestens auf dem Rückweg nach Hause auf Gang 4 und fahre trotzdem unheimlich langsam. Gemächlich, wie eine Seekuh, die zufrieden und glücklich im Wasser treibt.…