Heimat

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Ich glaube einer der größten Vorwürfe, den ich meinen Eltern gemacht habe, als ich ein Kind/Jugendlicher war, war, dass wir umgezogen sind. Nicht in die nächste Straße oder das nächste Dorf, sondern weg. Weit weg. 320 Kilometer Luftlinie um genau zu sein. Ich habe den Ort geliebt, an dem wir gewohnt haben, und dann mussten wir einfach weg.

Infolgedessen habe ich mich lange Zeit nicht gefühlt, als hätte ich ein Zuhause. Klar, ich habe gewohnt, wo wir hingezogen sind, es war auch rein objektiv gesehen besser für mich. Aber heimisch habe ich mich dort nie gefühlt. Ich glaube, das hier ist das erste Mal, dass ich das wirklich zugebe, aber irgendwann muss man ja mal Anfangen.

Infolge dieses Nicht-Zuhause-fühlens bin ich auch weg von dort, sobald ich mein Abitur geschafft und eine Ausbildung gefunden hatte. Nur weg. Nicht zurück in die Heimat, denn dort fühlte ich mich auch schon nicht mehr zu Hause, sondern noch weiter weg. Meine Mutter erzählt immer, dass ich gesagt habe, dass es dort, wo wir gewohnt hatten keine Jungs gäbe. Vielleicht habe ich das auch erzählt, ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr erinnern. Aber wenn ich jetzt darauf zurück blicke, ist die Wahrheit, dass ich die Umgebung nicht mochte, die Orte nicht. Nur die Menschen – meine Familie und eine Hand voll Freunde, die ich immer noch liebend gerne besuche.

Ich sehe dich an und bin Zuhause. – Dorie (findet Nemo)

Jetzt sind mehr als 5 Jahre vergangen, dass ich von meiner Familie weggezogen bin, grob geschätzt 12, als wir aus unserer ursprünglichen Idylle weg sind und ich kann sagen: Ich habe eine Heimat gefunden. Eigentlich zwei. Und manchmal könnte ich heulen, weil ich sie nicht guten Gewissens miteinander vereinen kann.

Auf der einen Seite ist da der Ort, an dem ich jetzt lebe, und dabei bin mir meine eigene, kleine Familie aufzubauen.
Nein, eigentlich ist das falsch. Eigentlich ist das der Ort, an dem mein Mann ist. Weil ich mit ihm einen Menschen gefunden habe, bei dem ich mich wohl fühle. Bei dem ich ich sein kann, mit all den Macken, all den Problemen und all dem Chaos, das mich ausmacht. Ausnahmslos. Und dieses Gefühl, diese Sicherheit ist mehr wert, als alles andere auf der Welt. Das ist Heimat für mich.

Insofern ist auch Heimat für mich, wenn wir zurück kommen. Zurück zu meiner Mutter, oder gleich ganz zurück, an den Ursprungsort. Zurück zu meinen Wurzeln, quasi. Denn auch da ist Familie, die sich freut einen zu sehen und für mich da ist, wenn ich sie brauche. Und anders als in Hessen, wo wir hingezogen sind, ist hier so viel mehr, an das ich mich mit einer ordentlichen Portion Nostalie zurück erinnere. Hier steht das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Der Fluss, in dem wir im Sommer gebadet haben. Die Wälder, durch die ich gezogen bin und mir meine Fantasiewelt aufgebaut habe. Die Kuhwiesen, über die wir gestreunt sind.
Das Bild, das diesen Post ziert, vereint all das irgendwie. Meine Mutter, die meinen Sohn im Arm hat vor dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, geschossen von genau der Stelle aus, an der früher mal unsere Spielburg stand. So. Viele. Gefühle.

Und wenn ich sage, dass ich diese beiden Zuhauses nicht vereinen kann, dann meine ich das so. Denn ich selbst weiß, wie weh es tut, wenn man all das, was man kennt und was einen lieb und teuer ist, zurück lässt. Und genau das will und kann ich meinem Mann, der hier in Berlin seine Familie, Freunde und Arbeit hat, nicht antun. Nicht mit gutem Gewissen.

Deswegen habe ich zwei und mehr Heimaten, und ich freue mich jedes Mal, wenn ich zu der zurückkehren kann, die ich verlassen habe. Ich freue mich, wenn ich meine Mutter besuchen kann. Und ich freue mich, wieder zurück nach Hause zu meinem Mann zu kommen. Ich freue mich zurück zu meinen Wurzeln zu fahren, dort mit meiner Familie meine Familie zu besuchen (so doof das auch klingen mag). Und ich freue mich, wieder nach Hause zu kommen, in unser Dörfchen in Brandenburg, weil ich weiß, dass mein Mann sich viel wohler fühlt, wenn er seinen Computer, sein schnelles Internet und seine Ruhe hat.

Was genau ich hiermit sagen will, kann ich gar nicht genau zusammenfassen. Ich hoffe, dass ich für das Schnabeltier so eine tolle Familie sein kann, wie meine es für mich ist. Und ich hoffe, dass er sich beim aufwachsen auch gerne an die Orte zurück erinnert, an denen er gewohnt hat. Dass er nicht so weit weg ziehen muss, um seine Heimat zu finden.…