Die U5 – Ein Drama

Prolog: Es ist halb sieben. Morgens. Der Vater steht gerade auf, um sich fertig zu machen und zur Arbeit zu gehen. Kurz darauf beschließt das Kind, dass es jetzt auch wach sein könnte. Einsatz Mutter: Kindlein an die Brust drücken, ihm etwas zu trinken geben, Augen zu, weiterschlafen.So die Hoffnung.

Doch nachdem das Kind sich an der einen Seite fertig getrunken hat, will es immer noch nicht schlafen. Also wird es auf die andere Seite gehievt, um auch hier Nahrung zu sich nehmen zu können. Erneut schließt die Mutter die Augen. Umsonst. Inzwischen hat der Vater die Szene verlassen, und das Kind fängt nun fröhlich an, sich durch das Bett zu rollen. Jeder Versuch der Mutter, es vielleicht wieder zum Schlaf zu überreden, scheitern. Es dauert knapp eine Stunde, bis sie sich dies eingesteht und selbst aus dem Bett kommt. Morgenroutine – Selbst ins Bad, Kind neu bewindeln, anziehen. Frühstück. Nach selbigem ist noch eine halbe Stunde Zeit, bis es los gehen soll zum Kinderarzt, denn die U5 steht an. Eine halbe Stunde, und das Kind zeigt doch so langsam Müdigkeitsanzeichen. So setzt die Mutter sich mit dem Kind auf dem Schoß aufs Sofa, in der Hoffnung es noch ein bisschen Schlafen zu lassen…Eine Stunde später, der Kinderwagen wird vor der Kinderarztppraxis geparkt. Zwei Minuten vor Aufbruch schloss das Kind doch seine Augen und war weg. Bis es zur Seite gelegt wurde, weil die Mutter sich fertig machen sollte. Seitdem hatte es nicht mehr geschlafen. Obwohl der Weg zum Arzt lang und ermüdend war.
Die Mutter hebt das Kind aus dem Wagen, meldet sich an und setzt sich mit ihm ins Wartezimmer. Kurz darauf werden die beiden von der fMFA bereits in eins der Behandlungszimmer gebeten. Kaum liegt er auf der Behandlungsunterlage ist er hellwach. Neue Umgebung, viel zu sehen, viel zu erkunden, außerdem wurde die Mutter angewiesen, ihn ein bisschen auszuziehen.
Interessiert wird die Umgebung beobachtet – allerdings nur mit den Augen, anscheinend ist doch noch genügend Müdigkeit vorhanden, um nicht unendlich aktiv zu sein.
Auftritt fMFA: Das Kind wird gewogen (9730g), gemessen (71cm) und schließlich unter gekicher – es darf sitzen – noch der Kopfumfang gemessen (43cm). Die Daten werden im Praxiscomputer eingetragen und kurz darüber geredet, dass er einen ganz schönen Sprung gemacht hat. Abgang fMFA.
Das Kind beschließt nun die Umgebung zu erkunden. Die Liege ist wie ein großes, hohes Bett – nicht die schnöde Liege, die man aus Arztpraxen kennt und da ist eine Menge Platz zum erkunden. Von der Mitte der Unterlage geht es also ans Wandende, wo ein wenig Spielzeug liegt. Zwei Bücher, eine Stapelpyramide und ein Greifball. Letzterer wird in die eine Hand genommen, die Pyramide interessiert mit der anderen umgeworfen. Die Mutter stellt sie wieder hin, woraufhin sie erneut umgeworfen werden kann. Ein interessantes Spiel, das sich eine Minute so hinzieht, bis das Kind auf einmal auf den Geifball in der anderen Hand aufmerksam wird. Dieser wird lustig in der Gegend herum geschoben. Hin und her, und da die Wand ganz nahe ist, kommt er auch schnell wieder zurück gesprungen.
Fünf Minuten später ist auch dieses Spiel uninteressant geworden und das Kind schaut sich nach anderen Beschäftigungsmöglichkeiten um. Tatsächlich, dort am anderen Ende der Liege hat die Mutter ihre Wickeltasche verstaut. Für das aktive Baby ist die Entfernung kein Ding. Einmal umgedreht und schon wird losgekrabbelt, in einer Geschwindigkeit, die einen Formel1-Wagen alt aussehen lassen würde. Angekommen wird direkt die Tasche auseinander genommen. Oder angelutscht. Damit kann man sich als Baby wieder eine bestimmte Weile lang beschäftigen. Und wenn das gemacht ist kann man sich ja umdrehen und wieder zum Greifball robben.
Auftritt Ärztin, auf halben Weg zum Greifball.
Das Baby bleibt auf der Stelle liegen und schaut skeptisch zum Neuzugang. Ärztin und Mutter unterhalten sich. Betrachten das Baby, das fortan da liegt, wie es halt gelegen hat und seinerseits die fremde Person im Raum beobachtet. Die Untersuchung schreitet voran: Ein bisschen Bäuchlein drücken, ein bisschen Beine hochschieben, ein bisschen abhören, mit dem Kind schäckern. Das Kind: keinerlei Reaktion.

„Greift er denn nach Spielzeug, das ihm angeboten wird?“, fragt die Ärztin.
„Wie ein Weltmeister“, antwortet die Mutter, in Gedanken noch beim Greifball von vorhin.
Selbiger wird von der Ärztin genommen und dem Kind hingehalten.
Das Kind tut nichts.
„Dreht er sich denn schon vom Rücken in die Bauch- oder Seitenlage?“, fragt die Ärztin.
„Ohne Ende.“, antwortet die Mutter, die auf dem Wickeltisch inzwischen Probleme hat, das Kind in Rückenlage zu behalten. Beide blicken auf das Baby in Rückenlage.
Das Kind schaut zurück.
„Drückt er sich denn in Bauchlage schon mit offenen Händen nach oben?“, fragt die Ärztin.
„Ja…“, murmelt die Mutter, die langsam das Gefühl bekommt mit Skills anzugeben, dir ihr Kind noch gar nicht hat. „Er ist inzwischen sogar schon dabei sich hinzusetzen.“
„Wippt er auf Händen und Knien schon hin und her?“, fragt die Ärztin.“
„…ja…“, antwortet die Mutter kleinlaut.
Das Baby liegt inzwischen auf dem Bauch und betrachtet den Greifball, der vor ihn hingelegt wurde.
Mutter und Ärztin besprechen kurz die Wachstumskurven, in denen das Kind immer in den oberen Ecken zu finden ist.
„Sie können ihn jetzt wieder anziehen.“, sagt die Kinderärztin.
Die Mutter macht sich daran, leicht hoffend, dass er sich wieder windet, so wie sie es gewohnt ist.
Nichts.
„Der zeigt schon die Hälfte von dem, was er in drei Monaten können muss.“, sagt die Ärztin und verabschiedet sich.
Kaum ist sie aus dem Zimmer verschwunden beginnt das Baby wieder damit sich zu bewegen und zu plappern.

Epilog: Sobald das Kind vor der Arztpraxis wieder im Kinderwagen geparkt wird, gibt es zwei oder drei quengellaute von sich, bevor es einschläft. „Toll“, denkt sich die Mutter und läuft los in Richtung zu Hause, „dann kann ich mich daheim auch noch einmal hinlegen und ein bisschen dösen.
Sie Verlässt die Bühne, das Licht geht aus, der Vorhang beginnt sich zu senken.
Aus dem Off: Babyaufwachgeräusche.

Vorhang.

2 Kommentare bei „Die U5 – Ein Drama

  1. Mein Kinderarzt hat mich tatsächlich als Lügnerin dargestellt, nur weil sie panische Angst hat wenn sie ihn sieht und somit nichts macht, was sie sonst tut… Yey

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