Papa

Papa

Heute mal ein bisschen was Zusammenhangloses. Eigenes. Gedankensprünge. Sachen, die wenig mit Eltern lernen, aber viel mit mir zu tun haben. Wen es nicht interessiert, der darf wegsehen. Könnte komisch werden. Anders, als sonst.

Es geht ums sterben, um Teeniegedanken dazu, ums Tod sein und damit zurecht kommen müssen. So, als Lebender. 

Sagt nicht, ich hab euch nicht gewarnt. 

Ich schreibe, um den Gedanken in mir eine Form zu geben. Ich schreibe, um damit nicht alleine zu sein und daran wahnsinnig zu werden. Ich glaube, das habe ich schon immer getan, irgendwie. Zumindest finde ich gerade auf meiner Sicherungsfestplatte verdammt viele Sachen, abgelegt unter „Kurzgeschichten“, die weniger Kurzgeschichten sind, als eher Beschreibungen von meinem damaligen Gefühlszustand. Ich glaube ich bin ganz froh, dass die Gedanken auf diese Art den Weg aus meinem Kopf gefunden haben, und sich kein anderes Ventil suchen mussten.

Was will ich eigentlich sagen? Damals, gefühlte tausende Jahre her, ist mein Vater gestorben. Magenkrebs. Vermutlich habe ich das hier schon irgendwo im Blog hinterlegt. Die Zeit war schwierig. Für die ganze Familie. Erst jetzt, wo ich meine eigene Familie aufbaue, verstehe ich erst, wie kaputt das meine Mutter gemacht haben muss. Höchster Respekt an dieser Stelle für diese Frau, die mit vier Kindern, ohne Mann und irgendwo weit weg von der Familie da saß und damit zurecht kommen müsste.

Für mich ist das heute noch eine Art Horrorszenario. Und leider kommt es mir inzwischen viel zu oft in den Kopf. „Was wäre wenn…?“Und ich hoffe, dass ich noch lange, lange davon verschont bleiben werde. Zu dieser Zeit habe ich eben auch geschrieben. Viel. Ich habe meine Gedanken und Gefühle verarbeitet und irgendwie habe ich gerade das Gefühl, das wieder hochholen zu müssen. Weil ich nicht möchte, dass es auf den Unendlichkeiten meines Computers verloren bleibt.

Krebs

Fröhlich sah das kleine Mädchen zu ihrem Vater hinüber und umarmte ihn ganz fest, obwohl sie glaubte, ihn dabei zu erdrücken. Das war egal. Endlich war Wochenende, endlich war er einmal da um mit ihnen Spaß zu haben. Sie war Glücklich und drückte ihm zugleich einen ganz ganz festen Kuss auf die Wange. Heute war ein toller Tag. Ihr Vater drückte sie lachend auch an sich. Sie war sich sicher. Diese Welt war perfekt. Nichts würde sie zusammenbrechen lassen. Leid, Pech, Schmerz… das gab es nicht. Nicht hier, in der Wunderbaren Welt, in der sie lebte. In ihren Haus. Zusammen mit ihrem Bruder, ihrer Mutter ihrem Vater. Dem Hund. Sie löste sich von ihrem Vater und flitzte schnell auf die andere Seite des Tisches.

Es gibt heute kaum noch Dinge, an die sie sich nach all den Jahren erinnert. Ihr Gedächtnis ist nicht das beste, und irgendwie ist einfach viel zu viel Zeit vergangen. Aber sie weiß, dass damals eine schöne Zeit war. Eine Glückliche Zeit, zweifelsohne. Eine Zeit, in der man – besonders sie – nicht hätte denken können, dass irgendetwas sich ändern würde. Das sie größer werden würde. Das sie noch Geschwister bekommen würde, zumindest ist sie sich sicher, dass damals die anderen beiden noch nicht auf der Welt gewesen war.
Dann mussten sie umziehen. Von dem kleinen Paradies in Bayern, das bis dahin ihr einziges Zuhause gewesen war, mussten sie weg, weil ihr Vater eine Arbeit in Frankfurt gefunden hatte. Ein Jahr lang war er immer nur an den Wochenenden daheim gewesen und unter der Woche in einer kleinen Wohnung in der Stadt. Hin und wieder war die Familie in den Ferien bei ihm gewesen, hatte sich die Stadt angesehen. Nun wollten sie zu ihm ziehen. Der Mutter gefiel es nicht, nur noch eine „Wochenend-beziehung“ zu haben. Das Mädchen entschloss sich, in den Herbstferien eine Woche zusammen mit ihr nach Frankfurt zu fahren, und sich Häuser anzusehen, in die sie vielleicht ziehen würden. Nachts blieben sie in der kleinen Wohnung bei ihrem Vater, und Tagsüber, wenn er arbeitete, fuhren sie durch die Gegend, suchten Häuser, die für die Familie in Frage kam. Das war eine Beschäftigung, die eine ganze Woche in Anspruch nahm. Aber es war eine schöne Woche. Da sie drei Geschwister hatte, war das Mädchen es normalerweise nicht gewohnt, ihre beiden Eltern ganz für sich allein zu haben. Sie fand es wunderbar. Schön. Unbeschreiblich, wenn man mal alleine mit ihnen war. An einem Abend beschlossen die drei zusammen ins Kino zu gehen. Sie hat inzwischen keine Ahnung mehr, was für einen Film sie sich angesehen haben, aber sie erinnert sich noch ganz genau daran, wie es war, als sie über den Main gefahren sind. Es war schon dunkel, und man konnte wunderbar die leuchtende Stadt sehen. Da sie auf dem Land aufgewachsen war, mochte sie Städte nicht sonderlich gerne, doch bei diesem Anblick stockte ihr Atem.

Umgezogen waren sie nun. Das aller erste Haus, dass sie sich angesehen hatten, war es geworden. Im Grunde war es hier schön. Die Schule, in die sie nun ging war toll. In Bayern hätte sie wahrscheinlich dieses Jahr auf die Realschule – oder noch schlimmer, auf das G8 wechseln müssen- aber in Mainz schaffte sie es, ihre Noten zu verbessern, da dort der Stoff leichter zu verstehen war, und man noch nicht ganz so weit vorangeschritten war.
Die erschreckende Nachricht kam ca. ein Jahr nach dem Umzug. Ca schreibe ich hier, weil sie sich nicht mehr genau an die Zeit erinnert. Des öfteren hatte ihr Vater sich nun schon über Magenbeschwerden beschwert. Er war zu Ärzten gegangen, und die meinten, dass es wohl irgendetwas an seiner Leber war, das die Beschwerden verursachte. Er hatte sich untersuchen lassen, wieder und wieder. Irgendetwas würde schon sein. Nichts war gefunden worden.
„Ich muss mal mit dir reden“ Das Mädchen sah vom Bildschirm auf zu ihrer Mutter, die einen relativ ernsten Gesichtsausdruck machte. Was war los? Verwirrt stand sie auf und folgte ihrer Mutter in die Küche. Hatte sie irgendwas falsch gemacht? Das kam des öfteren vor, und meistens sah ihre Mutter sie dann auch so an. Aber sonst sagte sie ihr das offen ins Gesicht, und brachte sie dafür nicht in die Küche, weg von den anderen.
„Er hat Krebs.“ Einige Sekunden wusste sie nicht so genau, was sie sagen sollte, was sie von dieser Information halten sollte. „Magenkrebs“ Tränen stiegen in ihren Augen hoch. Krebs war es also? Man hatte ihn operieren lassen, weil irgendetwas mit seinem Magenausgang nicht gestimmt hatte, das wusste sie.
Nun erfuhr sie, dass man bei dieser Operation herausgefunden hatte, dass er Krebs hatte. Krebs.
Tränen stiegen in ihr auf. Krebs war keine schöne Krankheit. Sie wusste kaum etwas darüber, nur dass sie in den meisten Fällen tödlich war. Nein, das war keine Information, die sie unbedingt gebraucht hatte.

Natürlich glaubten sie alle fest daran, dass er die Krankheit irgendwie besiegen würde. Alles andere war nicht gut. Und anfänglich, nach den ersten Chemoterapien sah er wirklich gut aus. Die Medikamente schlugen gut an, glaubten sie. Und es hieß auch, dass der Krebs nicht weiter wuchs. Es würde alles gut werden, alles.

Wegen der Schmerzen war er irgendwann in eine andere Station verlegt worden. Ein Jahr lang hatte er sich nun mit der Krankheit auseinander gesetzt. Ein Jahr. Anfangs hatte er sogar noch arbeiten können. Hin und wieder war er im Krankenhaus gewesen, größtenteils wegen den Therapien, aber sonst war er zuhause gewesen. Die Kinder hatten gelernt, damit umzugehen, dass man vorsichtig mit ihm umgehen musste, wenn es ihm nicht gut ging.
Es gibt da noch eine Erinnerung in ihrem Kopf. Sie waren Einkaufen gefahren, zu zweit. Sie und ihr Vater. Er hatte inzwischen einen Behindertenausweis bekommen. Mit dem Auto waren sie gefahren, und er hatte es auf einen der Behindertenparkplätze abgestellt. Sie hatten sich einen Einkaufswagen genommen. Anfänglich war er ganz normal. Man konnte mit ihm zusammensein, reden, lachen. Er verhielt sich wie normal. Nur irgendwann, nach vielleicht einer dreiviertel Stunde bemerkte sie, dass es ihm zunehmend schwerer fiel, zu stehen und zu gehen.
Man merkte das es ihm nicht mehr gut ging und es tat ihr weh, das mit anzusehen.
Irgendwann blieb er dann im Krankenhaus. Es ging ihm zunehmend schlechter. Januar war es geworden. Inzwischen war auch ihre Mutter im Krankenhaus, um ihrem Mann beizustehen.
Sie stand in der Tür zu seinem Zimmer, war unfähig sich zu bewegen. Aber dennoch war ihr Blick auf ihren Vater geheftet, der dort im Bett lang und sich kaum bewegte. War er wach? Sie konnte es nicht sagen. Irgendwann nahm einer der Krankenpfleger vorsichtig ihre Hand und setzte sie auf die eine Seite des Bettes ihres Vaters. Nahm seine Hand und legte diese in die Ihre. Sie hatte Angst davor ihn anzufassen, obwohl sie nicht wusste warum. Aber nun saß sie hier, seine Hand in der ihren, und konnte die Tränen nur noch schwerlich zurückhalten.
Wieso hatte es so kommen müssen.?
Der Tod findet einfach nicht statt,
So, als ob man ihn niemals unter uns gesehen hat.
Wir leben dämlich, fett und froh;
Gestorben wird nicht hier, man stirbt nur anderswo.
Ein seltsamer Liedtext, und gleichzeitig so Passend. Sie wusste nicht, wie lange sie dort an seinem Bett saß, seine Hand hielt und sich hin und wieder die Tränen vom Gesicht wischte. Irgendwann hieß es dann, dass sie gehen würden. Es war schon spät. Theoretisch war morgen Schule. Wollte sie überhaupt dorthin? Sie wollte doch nicht einmal seine Hand loslassen. Hin und wieder hatte er sie gedrückt. Ganz sanft. Ohne Kraft. Aber er hatte gespürt dass sie dort saß, dass sie hier war, bei ihm. Als sie im Auto saß, betrachtete sie ihre Andere Hand. In der hatte sie ihren Ring gehalten und hin und wieder ganz fest geknetet. Jetzt konnte man dort teilweise die abdrücke erkennen. Aber den Schmerz in der Hand spürte sie kaum.
Am nächsten Tag ging sie nicht in die Schule. Ihre Mutter schrieb eine Entschuldigung für sie. Es war schwer für sie alle.
Am nächsten Tag hatte ihr Bruder, der große, Geburtstag. Sie beschloss nach der Schule kurz ins Krankenhaus zu fahren, und von dort aus erst nach Hause. Sie traf ihre Mutter in seinem Zimmer. Etwas anderes hatte sie nicht erwartet. Es war eine Komisches Gefühl wieder hier zu sein. Eigentlich hatte sie sich nach dem letztem Besuch geschworen nicht noch einmal herzukommen. Doch dieses mal wusste sie in etwa, was sie erwarten würde. Diesmal war es nicht ganz so schlimm.
Doch für immer würde wohl sein schwerer Atem auf ihren Ohren lasten. Noch heute hörte sie ich manchmal in der Nacht, wenn sie alleine war. Hätte sie bei diesem kurzem Treffen gedacht, dass es das letzte mal sein würde, dass sie ihn sah? Hätte sie gedacht, dass sie am nächsten morgen, ganz früh ihre Mutter in der Küche vorfinden würde, auf der Theke sitzend und das Gesicht in die Hände vergraben? Ohne das ein Wort gesprochen wurde, hatte sie gewusst, was geschehen war.

Anhang:

Zitat

nobody (08:21 PM) :
Und : Krebspatienten sterben immer erst dann, wenn sie zufrieden sind. das ist wirklich so! Rainer hat noch so lange gekämpft, bis er endlich seine Mutter nochmal „gesehen“ hat, wenn man das sagen kann, er war fast nie wach.
Mein Großonkel hat gewartet, bis alle in gehen ließen.
Meine Uroma, die unbedingt 90 werden wollte, is in der Nacht vor ihrem Geburtstag fast gestorben, aber sie hat noch so lange weitergelebt, bis sie 90 war.
Bines Opa ist erst gestorben, als er zufrieden im Hospiz war und hat allen am Abned zuvor noch gesagt, dass es ihm sehr gut geht da.
Dein Vater muss zu dem Zeitpunkt glücklich gewesen sein, denke ich =) Vergiss das nicht!

10 Jahre

Wenn ich meinem PC glauben darf, wird dieser Text im Mai 10 Jahre alt. Wahnsinn. Ich traue mich heute noch nicht so ganz, das alles durchzulesen. Allein der Gedanke daran, dass das tatsächlich so passiert ist damals, lässt einen großen Kloß in meinem Hals wachsen. Das zeigt mir wahrscheinlich auch, dass ich einfach noch nicht komplett drüber hinweg bin. Irgendwann werde ich das sein, und das weiß ich.

Der Liedtext, den ich oben Zitiert habe, stammt aus dem Lied Im Bauch von Samsas Traum, damals meine absolute Lieblingsband. Das Zitat am Ende ist ein echtes. Meine beste Freundin hatte mir das geschrieben, nachdem ich ihr vom Tod meines Vaters erzählt habe. Solltest du das lesen: Danke dafür. Immer noch.

So, eine hab ich noch. Wer will, wer mag, wer ist noch nicht total fertig?

Remeber

Du kommst auf eine Wiese. Mit deinen Freundinnen bist du her gekommen, und nun macht ihr es euch unter einem Baum gemütlich. Es ist warm und die Sonne scheint. Nicht weit entfernt ist ein Schwimmbecken. Nach kurzer Weile schon fällt es euch wieder ein. Ihr seid ja hergekommen um schwimmen zu gehen. Dass du deine Normalen Klamotten noch an hast, dass stört dich nicht. So ist das halt schließlich. Dass die anderen verschwinden, während du zum kleinen Becken gehst, das merkst du nicht. Nun ist es für dich so, als wärst du schon alleine hergekommen. Oder auch doch nicht alleine. Du siehst deinen großen Bruder im Wasser plantschen, dein Vater ist bei der Rutsche, auf der anderen Seite davon tummeln sich deine kleinen Geschwister. Auch das Gesicht deiner Mutter ist dir vorhin begegnet. Du stockst einen Moment. Dein Vater? Kann doch nicht sein, oder? ODER?
Doch schon im nächsten Moment kümmert es dich nicht mehr, denn schon bist auch du dabei, planschst mit den kleinen, hast deinen Spaß. Dich kümmern Gedanken der Logik praktisch nicht mehr.
Später dann, du weißt nicht mehr wie viel Zeit vergangen ist, oder ob es eine Stimme war, die dich aus dem Spaß gezogen hast weißt du, dass du dich jetzt fertig machen musst, jetzt geht es nämlich auf nach Hause. Du schnappst dir die kleinen und ziehst sie mit dir zum fertig machen.
Du stehst im Bad und versuchst deine Kontaktlinsen wieder in die Augen zu bekommen. Dir ist es egal, ob du auch ohne richtig siehst, du merkst den Unterschied gar nicht. Neben dir steht eine Person die sich die selben Mühen macht. Davor hast du gar nicht auf sie geachtet, aber nun siehst du genauer hin. Und du weißt plötzlich, dass das hier nicht real sein kann. Dort, schräg hinter-neben dir steht dein Vater. Nachdem er mit seinem einem Auge fertig ist, sieht er zu dir hinüber, lächelt dich an. Du fühlst erste Tränen in dir aufsteigen, ganz deutlich fhlst du das. Dein Vater lächelt einfach weiter, und hält dir ein Taschentuch hin. Er sagt nichts, vielleicht weil du vergessen hast, wie seine Stimme sich anhört? Und du siehst ihn einfach nur an, wie er da steht und dich freundlich und mitleidig anlächelt. Und dann fällt dein Blick wieder auf dein Spiegelbild und du siehst deine eigenen rot geweinten Augen.

Du öffnest die Augen. Alles ist schwarz. Nur ein dünner Streifen Licht fällt durch die Rollos. Wie spät mag es sein? 3 Uhr? 4 Uhr? Bestimmt nicht später. Du spürst die Tränen dein Gesicht hinunter laufen. Du fragst dich, was das soll. Warum du nur immer so einen dummen Kram machst? Warum musst du jetzt schon wieder anfangen zu weinen? Jetzt und hier! Hinter dir hörst du den ruhigen warmen Atem einer zweiten Person. Eigentlich beruhigt dich dieses Geräusch immer, aber nun kannst du dich kaum darauf konzentrieren. Dir schwebt dieses Gesicht vor Augen, als hättest du es wirklich gesehen. Dieser Blick hat sich fest in deine Netzhaut gebrannt, obwohl du ihn schon vor Ewigkeiten nicht mehr mit deinen echten Augen hast sehen können. Mehr und Mehr Tränen fließen deine Wangen hinab, während hinter dir noch immer ruhig geschlafen wird. Am liebsten würdest du von ihm in den Arm genommen werden, doch willst du zeitgleich nicht, dass er mitbekommt, dass du schon wieder angefangen hast zu weinen. Warum tust du das eigentlich derzeit so oft? Die letzten zwei Jahre hast du es mehr oder weniger ohne Tränen ausgehalten, die meiste Zeit hast du vergessen, dass er nicht mehr da ist. Aber erst neulich, im Zug als du zu viel Zeit hattest nachzudenken, da kamen dir diese Gedanken wieder. Und er, der der dort hinter dir liegt und schläft, der dich damals vom Bahnhof abgeholt hat, er hat dich trösten müssen.
Deine Kehle fühlt sich wie ausgetrocknet an. Ganz vorsichtig, um ihn nicht zu wecken setzt du dich auf und tastest nach deinem Glas Wasser. Was für ein Glück, dass ihr das am Abend noch da hingestellt habt. Nur leider hast du schon so viel davon getrunken, dass kaum mehr als ein kleiner Schluck noch darin ist. Doch er reicht für das erste. Du legst dich wieder hin, starrst in den dunklen Raum hinein und weinst mehr oder weniger leise so vor dich hin. Eigentlich willst du nicht weinen. Es nervt dich so tierisch dass dir immer die Tränen kommen, wenn du nur etwas länger an deinen Vater denkst.
Der Atem hinter dir ändert sich. Ist er jetzt wach? Er bewegt sich ein wenig. Jetzt erst recht versuchst du die Tränen zurück zu halten, die nach wie vor deine Wangen hinunterlaufen und deine Hände ganz nass machen, die du unter deinen Kopf geschoben hast. Du willst nicht, dass er etwas davon mitbekommt, er soll wieder einschlafen und dich alleine lassen. Er soll wieder schlafen. Doch ein gelegentliches schluchzen, welches nicht mehr ist als ein lautes Atem hohlen kannst du dir einfach nicht verkneifen.
Bitte bitte schlaf doch wieder ein. Bitte bemerk davon nichts! Bitte!
Und dann legt sich sein Arm um deine Seite und streichelt dich sanft. Du bist verkrampft, du willst nicht das er es bemerkt, du willst nicht. Schon wieder musst du schluchzen. Deine Gedanken verweilen irgendwo zwischen den Bildern aus deinem Traum und dem Arm der sich um dich gelegt hat. Erneut kullern Tränen aus deinen Augen, ohne dass du sie zurück halten kannst. Vorsichtig tastet die Hand in dein Gesicht, kurz unter dein Auge, da wo die Tränen entlanglaufen, wo es immer noch nass ist Kurz zieht sich die Hand zurück. Dann wirst du wieder gestreichelt. Jetzt weiß er es also. Jetzt weiß er es also, dass du schon wieder hier liegst und vor dich hin weinst. Du könntest dich selbst Ohrfeigen.
„Hey..“, flüstert er in die Stille der Nacht hinein. Doch du kannst nicht antworten, du traust deiner Stimme nicht. Und so zieht er dich einfach zu sich, die paar Zentimeter, nimmt dich in den Arm, versucht dich zu trösten. Aber immer wenn du ein wenig traurig bist, und dann jemand kommt und dich zu trösten versucht, dann erst kommen die Tränen so richtig. So ist es auch dieses mal, ohne das du willst. Du drückst dich an ihn, weinst, weinst obwohl du denkst inzwischen keine Tränen mehr zu haben. aber es kommen immer und immer wieder neue dazu. „Was ist denn los?“
„Ich.. hab geträumt..“, ganz gebrochen hört sich deine Stimme an, nicht richtig hier, nicht richtig da.
„Wovon?“ Doch um das zu sagen bräuchtest du mehr Mut, als du hast. Du traust dich nicht, dass zu sagen. Weil deine Stimme dir nicht mehr gehorchen will. Weil du es nicht sagen willst. Wenn du es nicht sagst, vielleicht ist es dann auch nicht wirklich wahr. Ein kindischer Gedanke. Vor allem, wenn du noch immer sein Gesicht vor dir siehst die Hand, die dir das Taschentuch hinhält, als wolle er sagen ‚Hör auf zu weinen. Denk an mich, aber wein nicht.‘ Aber du kannst nichts anderes als Weinen. Und dir wird jetzt erst bewusst, dass du seine Stimme vergessen hast. Die Stimme, die dich seit deiner Geburt begleitet hat. Du kennst sie nicht mehr, wahrscheinlich deshalb das Taschentuch.
„Hast du von deinem Vater Geträumt?“, fragt dein Freund dich nach einer kurzen Weile. Noch bevor er die Frage beendet hat, nickst du. Natürlich dein Vater. Nichts anderes in der Welt regt dich so sehr auf, bringt dich so schnell zum weinen wie er. Das hat inzwischen anscheinend auch dein Freund begriffen. Ob er sich das überhaupt vorstellen kann, wie unendlich traurig du deswegen sein kannst? Er hat sich schon vor Jahren mit seinem Vater zerstritten, ist jetzt vor kurzem von seiner Mutter weggezogen. Nach eigener Aussage hatte er nie eine richtige Familie. Ihm wäre es wahrscheinlich ziemlich egal, wenn sein Vater gestorben wäre. Aber nicht bei dir. Du hast dich zwar oft mit ihm gestritten, doch hattest du ihn immer gerne. Und jetzt kannst du nur da sitzen, und warten bis die Tränen aufhören.

Zitat:

„Ich habe keine Angst davor zu sterben. Ich habe Angst davor vergessen zu werden“

Ein Jahr danach

Dieser Text entstand ungefähr ein Jahr später. Damals dachte ich, ich hatte die ganze Geschichte bereits überwunden und die Schmerzen, die durch „Krebs“ entstanden sind, wären irgendwie geheilt. Und ja, irgendwie war dem eben nicht so. Ich war verletzlich, ohne selbst zu merken. Ich bin es noch heute. Ich kann gar nicht zusammenhängend denken und diesen Text schreiben, ohne dass mir die Tränen laufen. Ich weiß selbst nicht genau, warum ich das tue. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es eben raus muss. Ganz weit.

Und wieder: Das war nicht irgendwie irgendein dahin geschreibe, sondern eine reale Situation, ein, zwei Tage später aufgeschrieben und bis heute nicht vergessen. Gerade das Zitat am Ende ist auch der Grund dafür, weswegen ich heute darauf kam. Mein Vater hatte das Gesagt, ein paar Monate, bevor er dann gestorben ist. Ich habs immer noch im Kopf, als wäre es gestern. Aber es zeigt mir, dass wenigstens dieser Wunsch erfüllt blieb: Er ist nicht vergessen. Wird er für mich nicht sein. Kann er gar nicht.

Alt

Und zu allerletzt, ein Kommentar zum Beitragsbild: Das ist ein Foto aus meinem Grundschul-Freunde-Album. Genauer gesagt von der Seite, die mein Vater ausgefüllt hat. Gefunden habe ich das in meinen alten Sachen, vor zwei Jahren. Es hat mich nachdenklich werden lassen. Im nach hinein denkt man immer anders über solche Sachen. Aber auf jeden Fall zeigt mir das eins: Er war eine spannende Person. Schade, dass er weder meinen Mann, noch meine Kinder kennen lernen durfte. Andererseits wäre ich vielleicht heute nicht hier, wenn es anders gekommen wäre. Was wäre wenn…? Wer weiß das schon.

Ein Kommentar bei „Papa

  1. Ich glaube immer noch, dass dein Vater von irgendeiner Wolke zu dir runtersieht und lächelt. Und selbst wenn man das nicht glauben kann oder will… er hat bestimmt gewusst, dass du deinen Weg finden und einen Mann und Kinder haben, ein schönes Leben haben wirst.

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