Die zwei Morgenszenarios der Familie H.

Version 1

7:20

Ich wache vom Weckerklingeln auf. Das Füchschen und das Schnabeltier schlafen noch. Ich schleiche mich ins Bad und gehe erst einmal aufs Klo. Das Schnabeltier ist inzwischen aufgewacht und spielt chaost vor sich hin.
Mit dem Versprechen auf baldiges Frühstück lässt er sich auf den Wickeltisch locken und wickeln. Das Frühstück muss allerdings als Nackidei eingenommen werden. Mit ein bisschen Überredungskunst schaffe ich es allerdings, ihm eine Unterhose über die Windel zu ziehen.

Wir Frühstücken. Wenn ich Glück habe, verlangt er einen Brei, dann muss ich den nur machen und er isst komplett alleine. Wenn ich Pech habe will er Brot, dann muss ich ihm beim schmieren, belegen und schneiden helfen.
Irgendwann während meinen ersten Bissen wird das Füchschen wach und verlangt schreiend nach Nahrung und Nähe. Ich schlinge also mein Brot hinunter, gehe das Füchschen wickeln, muss eventuell noch ein zweites Brot für das Schnabeltier schmieren, das nur halb gegessen wird, und stille das Füchschen.

8:20

Oh verdammt, es ist spät geworden. das Füchschen wird von der Brust entfernt, Kleidung für das Schnabeltier zusammen gesucht. Wir ziehen uns an. Das Füchschen wird ins Tragetuch eingebunden, Schuhe wandern erst an meine, dann an des Schnabeltieres Füße. Alles dabei? Schlüssel, Handy, Geldbeutel, eventuell Rucksack zum einkaufen? Radio ist aus? Tür zu, Treppe runter, ab in den Schuppen, Laufrad holen, Helm auf des Schnabeltieres Kopf – verdammt, ich habe meine Mütze gar nicht auf. Egal. Wir sind eh spät dran.

Zum Glück schläft das Füchschen so toll im Tragetuch, spätestens auf dem Gehweg hat sie aufgehört zu brüllen und döst fröhlich an meiner Brust. Fröhlich fährt das Schnabeltier auf seinem Laufrad zur Kita, ich hinterher. Am Bahnhof müssen die Bagger beobachtet werden, mit dem trockenem Laub auf den Wegen wird geraschelt, Zweige und Eicheln eingepackt und wieder weggeworfen. Für andere Radler wird mehr schlecht als recht Platz gemacht. Oh verdammt, das Laufrad ist kaputt, er repariert es mal schnell. Viermal innerhalb von 10 Metern.

Ich bitte, bettle, flehe und sporne an. Gehe vorneweg und hinterher. Wir zwei schaffen das. Wenigstens weiß er halbwegs, wie er sich im Verkehr benehmen muss. Über die Schranken, den kurzen Weg zur Kita, weil wir eh schon so spät dran sind. Überzeugungskraft. Der lange Weg ist viel B E S S E R!
Mama soll da bleiben. Mama und Baby sollen nicht nach Hause. Mama soll da bleiben. Papa soll ihn abholen. Mama soll in der Kita bleiben.

9:10

Wir habens geschafft. Das Schnabeltier stellt sein Laufrad in den Fahrradständer, öffnet die Kitatür und marschiert rein in Richtung seiner Gruppe. Andere Kinder da. Erzieher da. Mama vergessen. Abgang Schnabeltier. Na gut, den Fahrradhelm gibt er doch ab. Abgang Schnabeltier, die zweite. Mama räumt die Mitgebrachten Dinge in sein Fach und verlässt die Kita. Pfffff, geschafft

 

Version 2

6:20

Das Schnabeltier wird wach. Es schnappt sich Kissen, Kuscheltier und Trinken und wirft alles in mein Bett. Dann zieht er noch einmal in sein Zimmer zurück, um seine Decke zu holen. Ich helfe ihm ins Bett zu klettern, muss ihm helfen, seine Sachen zurecht zu rücken und versuche noch ein bisschen weiter zu schlafen.

Das Schnabeltier bleibt wach. Es zappelt, strampelt, plappert, beschwert sich über die offenen Fenster, steht auf um sie zu schließen, wird von mir angemault, schiebt seinen Kopf auf mein Kissen und klaut meine Decke. Wiederholt wird gefragt, ob ich denn schon wach bin, und ob das Baby wach ist. Ich versuche den Drang zu unterdrücken, ihn mit meinem Kopfkissen zu bewerfen und maule nur ein bisschen rum. Irgendwann steht das Schnabeltier auf, holt sich Bücher, kommt wieder zu mir ins Bett und verlangt, dass ich ihm vorlese. Weil ich schon wieder weggedöst bin, mecker ich schon wieder. Das Füchschen ist inzwischen auch wach und will etwas essen. Sie wird gestillt.
Das Schnabeltier verzieht sich in sein Zimmer, macht sein Musikauto an, spielt ein bisschen oder liest selbst. Vielleicht nimmt er auch die Wohnung ein wenig auseinander.

7:20

Der Wecker klingelt. Ich gebe auf. Wenn das Füchschen fertig gestillt ist, stehe ich halt auf. Dann wird es auf den Wickeltisch gelegt, das Schnabeltier klettert dazu, damit ich beide Kinder zusammen wickeln kann. Das findet er immer super. Spätestens beim zweiten Kind trete ich nervös von einem Fuß auf den anderen. Ich muss doch auch!

Zwei Popos sind frisch gewindelt, das Füchschen wird schnell auf dem Bett des Schnabeltieres abgelegt und ich sause ins Bad, während das Schnabeltier auf seine Schwester „aufpasst“. Anschließend bekommt das Schnabeltier seine Unterhose an, und während ich mich anziehe, deckt er den Tisch.
Weil er das letzte saubere Brett haben will, bekomme ich einen Kinderteller, den ich mit einem Kuchenteller austausche. Ich helfe ihm sein Brot zu schmieren, entferne 3 Kilo Margarine von seinem Messerchen, schneide, schmiere mir selbst ein Käsebrot. Das Füchschen will Nähe, deswegen nehme ich es auf den Arm . Mit einer Hand esse ich irgendwie.

8:10

Wenn das Frühstück vorbei ist, wird ein bisschen aufgeräumt. Das Schnabeltier versucht wieder mich zum Spielen und lesen zu animieren. Ich versuche ihm und dem Füchschen gerecht zu werden. Je näher der große Zeiger in Richtung 30 rückt, desto mehr wird versuche ich, das Kind kitafertig zu machen. Sonnencreme, Klamotten, Sonnenmütze. Klamotten für mich und das Füchschen ebenfalls. Anschließend das Baby ins Tragetuch, Schuhe für das Schnabeltier und mich, meine Mütze. Alles dabei? Schlüssel, Handy, Geldbeutel, eventuell Rucksack zum einkaufen? Radio ist aus?

Laufrad aus dem Schuppen, Helm auf den Schnabeltierkopf, und los gehts. Wir sind entspannt, weichen Radlern und Fußgängern aus, passen auf Autos auf, sammeln Stöcke, Blätter und Eicheln, schauen Bagger am Bahnhof an, Lastwägen am Getränkemarkt, warten an der Schranke auf die Züge, watscheln über die Schienen, nehmen den langen Weg zur Kita, wir haben ja die Zeit.

9:10

Mama soll bleiben. Mama bleiben. Papa abholen. Wir sind in der Kita angekommen, ich kanns so langsam nicht mehr hören und hab zum zwanzigsten Mal versprochen, Papa zu fragen, ob er Zeit hat, das Schnabeltier heute abzuholen. Das Laufrad wird im Fahrradständer geparkt. Das Kind öffnet die Kitatür, wir gehen hinein, Mama ist vergessen. Sie ist nur noch da, um kurz den Helm vom Kopf zu ziehen und die Sonnenmütze drauf zu packen. Schnabeltier weg und Glücklich, Mama auch irgendwie. Aus der Kita raus. Pfffft. Geschafft. Also ich. Also alles wie immer.…

Der Seekuhexpress

Der Seekuhexpress

„In deinem Zustand fährst du noch Fahrrad? Respekt!“ Diese kurzen Wörter gehören in letzter Zeit zu den von mir am häufigsten gehörten. Ich zucke dann immer mit den Schultern, schiebe meinen dicken Babybauch ein bisschen zurück, in der Hoffnung, dass er unauffälliger wirkt und sage, dass ich ja wenig andere Möglichkeiten habe. Und ja, es stimmt schon. Der Babybauch ist inzwischen so allgegenwärtig, dass er schwerlich zu verstecken ist. Ich habs neulich mal probiert: Bauch einziehen. Keine Chance. Der halbe Zentimeter, den der dann verschwindet, ist kaum wahrnehmbar. Für mich als ehemals-Fettie ein kleines Selbstwertproblem, aber von überall höre ich, wie toll und schön das ist und versuche damit leben zu können. Und ich weiß ja: Das geht auch wieder weg. Aber halt, falsches Thema.

Ja, ich fahre immer noch Fahrrad. Alles andere wäre für mich nämlich gar nicht drinnen. Die Kita ist ein bisschen was unter 1,5 Kilometer von uns zu Hause entfernt. Zu Fuß würde ich mindestens das dreifache an Zeit brauchen, um das Schnabeltier abzuliefern – wenn er selbst laufen würde, bestimmt das fünffache. Dazu kommt, dass er zwar gerne in der Kita ist, aber eigentlich nicht gerne hingehen mag. Als hätte ich spätestens ab einem viertel des Weges damit zu kämpfen, dass das Kind schreit, sich umdreht, weggeht und ich ihn irgendwie wieder zurück auf den rechten Weg schieben/tragen/zerren müsste. Nervlich wie Körperlich wäre ich wohl ein totales Wrack, wenn ich endlich in der Kita ankäme. Und dann muss der Weg zurück auch noch beschritten werden.

Die Alternative

Wir wohnen in einem kleinen Ort. Der Bus, der hier einmal stündlich pro Richtung fährt, fährt nicht einmal irgendwie hilfreich an der Kita vorbei – fällt also auch aus. Jedes Mal, wenn ich also über meine Fahrradaktivitäten bewundert werde, frage ich mich: Was denken die eigentlich? Was soll ich stattdessen machen? Das Kind daheim beschäftigen? Geht auch, macht mich aber auch kaputter, als es sein müsste.

Ein Auto? Klar, wir sind in Deutschland, da ist das Auto IMMER eine Alternative. Dass ich mir aktuell kaum etwas leisten könnte, hab ich vor kurzem schon einmal geschrieben. Selbst wenn ich in die luxuriöse Situation kommen würde, und uns würde jemand sein Auto schenken, wären mit so einer Karosse immer noch Kosten verbunden, die ich nicht zu stemmen wüsste. Benzin, Steuern, Reparaturen, Versicherungen, regelmäßig neue Kindersitze…

Also bleibe ich auf meinem Fahrrad sitzen. Trampel mich tag für Tag ab und merke, dass mir langsam aber sicher die Kraft auch dafür ausgeht. Früher bin ich mal im höchsten Gang (8) gefahren und hab höchstens zum Anfahren einen Gang runter geschaltet. Aktuell bin ich froh, wenn ich die Strecke auf dem sechsten Gang überlebe. Sollte ich unseren Anhänger und Einkäufe dabei haben, kommt es vor, dass ich auch mal ganz weit runter schalte. Dann bin ich spätestens auf dem Rückweg nach Hause auf Gang 4 und fahre trotzdem unheimlich langsam. Gemächlich, wie eine Seekuh, die zufrieden und glücklich im Wasser treibt.…